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Natterer: Philosophie der Biologie

Die Texte des Menus "Evolutionsbiologie" sind als Buch erhältlich. Der Buchtitel ist Natterer, Paul: Philosophie der Biologie. Mit einem systematischen Abriss der Kritik der teleologischen Urteilskraft und einer interdisziplinären Bilanz zur Evolutionsbiologie [= Edition novum studium generale 4], Norderstedt 2010, 204 Seiten. Verkaufspreis 23,90 € [ISBN 978-3-8423-2825-9].

 

 

Vorbemerkung

Auf dieser Leitseite zur Evolutionsbiologie werden wir In Folge einen ersten Einstieg in das realwissenschaftliche Konzept der biologischen Evolution geben. Wir konzentrieren uns dabei auf die Abfolge der Theorien seit dem 19. Jahrhundert, die im Hintergrund der Diskussionen der Gegenwart stehen.

Das Untermenu: Lebenswissenschaften bietet dann eine detaillierte Bilanz der empirischen Evolutionsbiologie an Hand der beteiligten Disziplinen: Präbiotische Chemie — Molekularbiologie — Anatomie — Entwicklungsbiologie — Paläobiologie — Anthropologie. In einer Skizze wird auch die gegenwärtige Evolutionismus-Kreationismus-Debatte vorgestellt. Da die synthetische (neodarwinistische) Evolutionstheorie nach wie vor das vorherrschende Paradigma ist, wird unsere Bilanz deren Begriffen und Einteilungen folgen und konstruktionistische bzw. auch evolutionskritische Argumente jeweils fortlaufend mit integrieren.

Es ist bemerkenswert, dass bereits vor der Aufnahme des Evolutions-Paradigmas in die neuzeitliche Biologie seit Darwin und Wallace (Mitte 19. Jh.) eine äußerst differenzierte Wissenschaftstheorie und philosophische Wertung der Idee der biologischen Evolution von Immanuel Kant vorgelegt wurde. Seine Kritik der Urteilskraft (1790) [in Folge abgekürzt: KU] ist eine der gründlichsten philosophischen Analysen der Biologie und Ökologie. Sie wird im zweiten Teil dieses Werkes entwickelt, betitelt: Kritik der teleologischen Urteilskraft. Letztere ist der Argumentationstyp, der in der Biologie zum Einsatz kommt. Kant nennt sie genauer die reflektierende transzendentale Urteilskraft. Das Untermenu: Philosophie der Biologie stellt Kants Gedanken und Argumente zur Sache vor. Sie werden einerseits mit der aristotelischen Theorie der Tradition inkl. moderner Rekonstruktionen derselben abgeglichen; anderserseits mit der aktuellen philosophischen Debatte zur Evolutionsbiologie.

Das letzte Untermenu Evolutionäre Erkenntnistheorie diskutiert den Versuch der Ausweitung des naturalistisch oder materialistisch gedeuteten Evolutionskonzeptes auf die Formal- und Geisteswissenschaften.

Realwissenschaften zur biologischen Evolution

Man kann seit der Antike eine Reihe von Vorläufern nennen, die in den Lebenswissenschaften das Konzept der Entwicklung angedacht oder auch ausgeführt haben. Im Bewusstsein der Gegenwart ist die Idee der Evolution in den Realwissenschaften jedoch vor allem mit Darwin und dem Darwinismus verknüpft. Dabei können die in Folge kurz vorgestellten Phasen unterschieden werden. Ausgangspunkt ist dabei der ursprüngliche Ansatz Darwins selbst.

Klassischer Darwinismus

Der klassische Darwinismus ist das von Charles Darwin (1809—1882, Foto unten) selbst in Verbindung mit A. R. Wallace (1823—1913) aufgestellte Theoriegebäude. Darwin ging hierbei von der innerartlichen Selektion in der europäischen Tier- und Pflanzenzucht aus; Wallace von tropischen Freilandforschungen in Südostasien. Das Grundbuch ist Darwins On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life von 1859. Der klassische Darwinismus verteidigt folgende 5 Thesen oder Kernaussagen:

Ch. Darwin [WikiCommons]Wandelbarkeit und Entwicklung der Arten aus Urformen in langen Zeiträumen — Auslese resp. Selektion der bestangepassten Formen — Postulat der Abstammungsverwandtschaft aller LebewesenGraduelle Evolution kleiner Schritte — Vervielfachung der Arten durch Aufspaltungen (vgl. Kutschera: Evolutionsbiologie, 3. Aufl. Gießen 2008, 34). Evolutionsursache ist Selektion oder Kampf ums Dasein. Es steht der Begriff des „Darwinismus als Kurzform für das Selektionsprinzip“ (Kutschera 2008, 59) in Verbindung mit der Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften (Pangenesistheorie, vgl. Kutschera 2008, 60): Letztere „Spekulation erwies sich jedoch bald als Irrlehre“ (Kutschera 2008, 61).

Neodarwinismus und Synthetische Evolutionstheorie

A. Weismann [WikiCommons]Hauptvertreter des Neodarwinismus [1890-—930] sind der deutsche Zoologe August Weismann (1834—1914, Foto links) und wiederum A. R. Wallace (1823—1913). Weismann widerlegte die Pangenesistheorie Darwins (und schon Lamarcks), indem er experimentell nachwies, dass erworbene Merkmale wie Organverstümmelungen nicht erblich sind. (Er schnitt 19 Generationen von geschlechtsreifen Mäusen die Schwänze ab, was ohne Einfluss auf die Schwänze der Nachkommen blieb.) Freilich relativiert die gegenwärtige Genetik diesen 'experimentellen Nachweis' drastisch. Denn 43 % des Genoms bestehen aus kreativen Modulen im Dienst der aktiven Konstruktion und Kontrolle von Genen, wobei sog. Mikro-RNS-Sequenzen  von den Zellen selbst hergestellt und anschließend aktiv in das Genom des Zellkerns eingefügt werden können (= sog. reverse, umgekehrte Transkription). Das bedeutet aber, dass erworbene, epigenetische Eigenschaften und Fähigkeiten doch u.U. vererbbar sind (vgl. Bauer: Das kooperative Gen, 2008, 40—45, 81—99, 112—119 sowie in Folge).

Weismann integrierte darüber hinaus die neuen Disziplinen der Zellforschung (Cytologie) mit Entdeckung der Keimzellen sowie der Genetik mit der Entdeckung der genetischen Rekombination als Variationsquelle (Durchmischung männlicher [väterlicher] und weiblicher [mütterlicher] Erbanlagen). Der Begriff Neodarwinismus wurde erstmals 1894 geprägt.

J. HuxleyAuf den Neodarwinismus folgte die Synthetische Evolutionstheorie [1930/40er Jahre]: Hauptvertreter sind Th. Dobshanski (1900—1975), E. Mayr (1904—2005), J. Huxley (1887—1975, Foto rechts). Oft werden die beiden Begriffe auch bedeutungsgleich gebraucht, in dem Sinn, dass die Synthetische Evolutionstheorie als Neodarwinismus i.w.S. bezeichnet wird. Grundannahmen sind: Evolutionseinheit ist die Population. Entwicklung bezieht sich auf die Gentotalität (Genpool) einer Population. Die Gentotalität umfasst die Gene + Allele + Mutationen + Gentransfer + Rekombination + Selektion + Aufspaltung (Separation + Isolation + Gendrift mit Gründerindividuen). Die synthetische Evolutionstheorie ist bis heute die vorherrschende Lehrmeinung — unbeschadet der in Folge genannten Ergänzungen und Alternativen. Die Grundannahme von der Population als evolutiver Einheit wurde von Richard Dawkins in seinem Buch Das egoistische Gen 1976 in Frage gestellt. In der Folge hatte sich weithin seine Auffassung des Gens als evolutiver Einheit durchgesetzt. Gegenwärtig findet wieder ein gegenläufiges Umdenken statt. Dawkins wurde durch ein zweites Konzept bekannt, das Mem als Replikationseinheit der kulturellen Evolution — in hypothetischer Analogie zum Gen als Replikationseinheit der biologischen Evolution. Beispiele für Meme sind nach Dawkins: „Ideen, Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen“. Meme vermehren sich im Mempool, „indem sie von Gehirn zu Gehirn springen durch einen Prozeß, den man im weitesten Sinne als Imitation bezeichnen kann“ und unterliegen ebenso wie Gene Mutation und Selektion. Dawkins selbst wollte allerdings nur die universelle Reichweite der Darwinschen Evolutionstheorie zeigen, insofern Gene nicht die einzigen Replikatoren sind. Dawkins sieht das Mem-Konzept selbst eher metaphorisch und hypothetisch. Trotzdem bildete sich die Forschungsrichtung der Memetik, die Meme als tatsächliche Replikationseinheiten der kulturellen Evolution versteht. Überhaupt ist die darwinistische Behandlung von sozialem, altruistischem Verhalten (Ethik) und Transzendenz (Religion) ein gegenwärtiger Schwerpunkt nicht nur in der Soziobiologie geworden. Auch hier ist Dawkins durch sein kämpferisches Plädoyer für den Atheismus The God Delusion (2006) einer der bekanntesten Exponenten. Umfassender und differenzierter ist David S. Wilson mit Darwin's Cathedral — Evolution, Religion, and the Nature of Society (2002) und (zusammen mit Elliott Sober) Unto Others — The Evolution and Psychology of Unselfish Behavior (1999).

Eine deutschsprachige Standarddarstellung zu letztgenanntem Schwerpunkt ist die Soziobiologie von F. Wuketits (Heidelberg/Berlin/Oxford 1996), welche auch für die Kritik von Dawkins These von Genen als evolutiven Einheiten wichtig ist (114—129). Wuketits geht von Kampf / Aggression und Kooperation / Altruismus als zwei komplementären, synergistischen Prinzipien der sozialen Intelligenz und des sozialen Lebens aller Spezies aus. Wahres Eigeninteresse und ausgeprägte Hilfsbereitschaft sind bikonditional: "Der wahre Egoist kooperiert" (1996, 76) wie auch kämpferische Aggression notwendig ist zur Führung und zum Schutz Schwächerer. Rousseaus Theorie eines pazifistischen natürlichen Urzustandes ist falsch (144, 147, 150). Wuketits nennt dies den reziproken Altruismus, der "die soziale Evolution der Hominiden in entscheidender Weise" (150) geprägt hat und "eine der größten Errungenschaften" war (180). Dieser ist soziobiologisch ursprünglich auf die Kleingruppe ausgerichtet (Ethnozentrismus) und mit Abgrenzung Außenstehender (Xenophobie) verbunden (96—100, 152—159). Das heißt: "Wir dürfen davon ausgehen, dass Moral einen Selektionsvorteil hat" (180) wie auch die Zehn Gebote den Daten der Soziobiologie entsprechen (172—173). Im Fazit: "Die vielleicht wichtigste von den Soziobiologen vermittelte Einsicht ist, dass Kultur [und moralische Normen] als spezifischer Ausdruck unserer [biologischen] Natur betrachtet werden kann" (196). Wuketits ist auch einer der ersten, die den derzeitigen evolutionsbiologischen Forschungsschwerpunkt 'Religion' angebahnt haben: "Die Existenz von Religion [ist] die größte Herausforderung für die Human-Soziobiologie ... wie auch umgekehrt" (174).

Die sog. Systemtheorie [Ende 20. Jh.] ist eine Erweiterung der synthetischen Theorie zur Erklärung des ungelösten Kernproblems der Synorganisation: Schrittweise genotypische Kopplung (genetische Speicherung, Genverschaltung) phänotypischer Merkmalskopplungen in einem hierarchisch aufgebauten Steuer- und Regulationssystem des Organismus und Genoms.

Neutrale Theorie der molekularen Evolution

Der japanische Biologe Motoo Kimura (1924—1994), der führende Evolutionsgenetiker und große alte Mann der Populationsgenetik nach dem Zweiten Weltkrieg, ist Urheber der sog. Neutralen Theorie der molekularen Evolution. Das Grundbuch der Theorie ist Motoo Kimura: The Neutral Theory of Molecular Evolution, Cambridge 1983. Die in der Evolutionsbiologie anerkannte und ernsthaft diskutierte Theorie geht von dem Befund aus, dass die meisten Mutationen neutral sind in dem Sinne, dass sie keinen Angriffspunkt für die natürliche Auslese bieten. Der Akzent liegt also auf den Auswirkungen der Mutationen für die Tauglichkeit. Kimuras Schüler modifizierten die Theorie später, da sich immer stärker zeigte, dass Mutationen für das Lebewesen keinesfalls neutral oder harmlos sind, sondern nahezu alle Mutationen für den Organismus schädlich sind, und wenige relativ vorteilhaft, auch wenn sich das meist in einem unauffälligen Spektrum bewegt.

Kimura ersetzt die darwinistische natürliche Auslese daher durch die zufällige Gendrift oder genetische Drift, d.h. zufällige Veränderungen der Genfrequenz im Gesamtgenbestand einer Population. Genfrequenz oder Allelfrequenz meint die relative Häufigkeit der Kopien eines Allels (Ausprägung eines Gens) in einer Population. Die Genfrequenz beschreibt m.a.W. die genetische Vielfalt einer Population. Solche Veränderungen wirken sich naturgemäß in kleineren Populationen stärker aus und Kimura sieht hier einen bedeutenden Faktor der Evolution von Gründerpopulationen und mittelbar damit auch für die Artbildung.

Die Neutrale Theorie vertritt insofern keine globale Theorie der Evolution, als sie keine Erklärung der Zunahme von Komplexität und von Anpassungen bietet, sondern der Schwerpunkt auf der Falsifikation der neodarwinistischen Mechanismen der Evolution (Mutation und Selektion) liegt. Es ist daher nicht überraschend, dass Ernst Mayr, der große alte Mann der neodarwinistischen  Synthese der Evolutionsbiologie, als Gegner der Neutralen Theorie par excellence in Erscheinung getreten ist.

Der Schüler Kimuras, Tomoko Ohta, differenzierte die Theorie weiter zur Nearly-Neutral Theory der Evolution. Grundlegend ist Ohta, T.: Slightly Deleterious Mutant Substitutions in Evolution. In: Nature 246, 11.09.1973, 96—98. Nearly neutral besagt, dass die meisten Mutationsereignisse auf dem molekularen Niveau nicht strikt neutral, sondern leicht negativ sind sowie einige wenige positiv. In einem begrenzten Umfang sagt diese Theorie daher auch einen Zusammenhang zwischen der Populationsgröße und der Rate der molekularen Evolution voraus: In großen Populationen wirkt die Gendrift, welche sogar leicht negative Mutationen fixieren kann, schwächer als in kleinen Populationen, so dass in großen Populationen evolutionäres Geschehen langsamer verläuft.

Konstruktionistische Evolutionstheorie

In der Konstruktionistischen oder auch Konstruktivistischen Evolutionstheorie [Mitte / Ende 20. Jh.] liegt der Schwerpunkt auf den epigenetischen selbstorganisatorischen Prozessen. Der Ansatz wird intuitiv plausibel durch den empirischen Sachverhalt der „Neotenie, d.h. das lange Verbleiben des Individuums in einem noch unfertigen jugendlichen Zustand [...] Neuroepistemologisch bedeutet das, daß in bezug auf die individuelle Entwicklung des Individuums der Ontogenese viel mehr überantwortet ist als der  Phylogenese.“ (Oeser/Seitelberger: Gehirn, Bewußtsein und Erkenntnis, Darmstadt 1988, 40)

Methodische Ausgangspunkte des Konstruktivismus sind sodann die folgenden Disziplinen. Einmal die konstruktivistische Schule der Entwicklungspsychologie. Ein erster ausdrücklicher Ausgangspunkt sind hier die Arbeiten Jean Piagets zu Prozessen und Stufen kognitiver Entwicklung: genetische Erkenntnistheorie. Das kognitive Apriori des Menschen, v.a. die logisch-mathematischen Strukturen sind durch die evolutionäre Erkenntnistheorie nicht zu erklären: „Ihre Notwendigkeit ist vielmehr das Ergebnis einer allmählichen Konstruktion“ (Piaget: Biologie und Erkenntnis. Über die Beziehungen zwischen organischen Regulationen und kognitiven Prozessen, Frankfurt/M. 1974, 323). Ein starkes Argument zugunsten des Konstruktivismus ist in diesem Zusammenhang auch der immer stärker in den Mittelpunkt der anthropologischen, paläontologischen und frühgeschichtlichen Forschung rückende plötzliche kulturelle Urknall um 40000 v. Chr. konventioneller Datierung (vgl. Tattersall: Wir waren nicht die Einzigen. Warum von allen Menschen nur der Homo sapiens überlebte. In: Spektrum der Wissenschaft. Dossier: Die Evolution des Menschen, 3/2000, 40—47). Dies bedeutet die Ablösung einer biologischen Evolution durch eine bewusste kulturelle Evolution mit Schwerpunkt auf der vor- und nachgeburtlichen Ontogenese.

Ein zweiter Ausgangspunkt ist die biologische Epistemologie in der Form des von Maturana und Varela entwickelten Begriffs autopoietischer, energetisch offener und funktional, informationell geschlossener Systeme: Wahrnehmung und Kognition wird definiert als selbstreferentielles neuronales Subsystem auf den biologischen Vorstufen der Selbstorganisation und Selbsterhaltung. Vgl. Maturana: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit: Ausgewählte Arbeiten zur biologischen Epistemologie, 2. Aufl. Braunschweig 1985 und Kaspar: Lorenz’ Lehre vom Aposteriorischen im Lichte gegenwärtiger Naturwissenschaft. In: Lütterfelds, W. (Hrsg.) Transzendentale oder evolutionäre Erkenntnistheorie?, Darmstadt 1987, 64—80. Diese „operationale Geschlossenheit lebender Systeme“ ist „das Organisationsprinzip, das Kognition zu einem konstruktiven Prozeß macht.“ (von Förster et al.: Einführung in den Konstruktivismus, 2. Aufl. München/Zürich 1995, 116)

Ein dritter Ausgangspunkt ist die Kognitionswissenschaft: Kognitionswissenschaftlich stützt sich der Konstruktivismus auf die Theorie nichttrivialer Systeme, deren Ursache [Reiz]-Wirkungs [Reaktions]-Funktion von einer Zustandsfunktion abhängt, d.h., dass alle Reiz-Reaktions-Operationen von den inneren Zuständen abhängig sind und diese selbst wieder von vorangegangenen Operationen beeinflusst werden.

H. v. Förster [H. v. Förster Gesellschaft]Die Theorie selbstreferentieller Systeme sieht als leitendes Prinzip der ontogenetischen wie phylogenetischen Evolution die Eigendynamik der vorhandenen Struktur: Kognitive Systeme wie auch biologische und soziale Systeme bilden ihre Strukturen nicht erststellig wegen des Kampfes ums Dasein aus, um die Informationen aus der Umwelt sinnvoll zu verarbeiten, oder umweltbeeinflussende Informationen abzugeben, sondern leitendes Prinzip der ontogenetischen wie phylogenetischen Evolution ist die Eigendynamik des vorhandenen Strukturmaterials, das sich eigengesetzlich immer weiter differenziert, ausfaltet und komplexer wird. Die Umwelt ist also nur notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung der Systembildung, und Erkenntnis ist Hervorbringung einer praxisdienlichen, instrumentellen Umweltrepräsentation (vgl. hierzu Hedrich: Die materialen Randbedingungen epistemischer Leistungen. In: Philosophia naturalis 36, 1999, 237—262). [Foto links: Heinz von Förster, 1911—2002, österreichischer Biophysiker, Mitbegründer der Kybernetik in Deutschland und ab 1948 in den USA, 1958—75 Direktor des Biological Computer Laboratory in Illinois]

Neurophysiologisches Hauptargument des Konstruktivismus ist das Prinzip der undifferenzierten Kodierung. Dieses Prinzip besagt: „Die Erregungszustände einer Nervenzelle codieren nur die Intensität, aber nicht die Natur der Erregungsursache. Codiert wird nur: ‘Soundsoviel an dieser Stelle meines Körpers’, aber nicht ‘Was’.“ (Von Foerster et al. 1995, 58) Die qualitative sensorische Differenzierung der Erlebniswelt wird als durch die motorische Aktivität und kognitive Interpretation des Organismus realisiert gedacht. Dies ist die Antwort des Konstruktivismus auf die Frage nach der bewusst erlebten Qualität der Wahrnehmungen, d.h. nach den subjektiven, intrinsischen Empfindungen oder intrinsischen phänomenalen Qualitäten (Qualia) und intentionalen Bedeutungen (Meanings) von kognitiven Konstrukten. Dies erklärt freilich das Fakt der intrinsischen phänomenologischen Qualitäten (qualia) und intentionalen Bedeutungen (meanings) genausowenig wie die evolutionäre Erkenntnistheorie, sondern formalisiert es lediglich und benennt notwendige, aber keine zureichenden Bedingungen. Vgl. dazu Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand (übers. u. hrsg. v. E. Cassirer), 4. Aufl. Hamburg 1972, 446, 458; Kripke: Identity and Necessity. In: Schwartz, S. P. (ed.) Naming, Necessity and Natural Kinds, Ithaca and London 1977, 66—101; Searle: The Rediscovery of the Mind, Cambridge/Mass. 1992 [Dt: Die Wiederentdeckung des Geistes, Frankfurt 1993] und ders: Mind, Oxford 2004; Pohlenz: Phänomenale Realität und Erkenntnis: Umrisse einer Theorie im Ausgang von der eigentümlichen Natur des Qualia-Begriffs, Freiburg 1990 und: Die Qualia als systematischer Kern eines metaphysischen Weltaspektes. Eine Anknüpfung an Husserls Lebenswelt-Konzept. In: Philosoph. Jahrbuch 106, 1999, 100—122; Sturgeon: The Epistemic View of Subjectivity. In: The Journal of Philosophy 91, 1994, 221—235. Selbst härteste Reduktionisten wie Churchland räumen daher faktisch die irreduzible kognitive Eigenständigkeit prälinguistischer qualia (A Neurocomputational Perspective. The Nature of Mind and the Structure of Science, Cambridge (Mass.)/London (Engl.) 1992, 47—76, bes. 62—63) und linguistischer meanings (Churchland ebd. 1992, 23—46, bes. 39—44) ein.

Der Erfolg der mentalen Repräsentationen als viable Realitätskonstrukte wird im Konstruktivismus an der topologischen Struktur der Gehirns festgemacht, das Wahrnehmungshandlungen „in den ihnen phylogenetisch zugeordneten und stabilisierten Umweltbereichen“ lokalisiert (von Foerster et al. 1995, 119). Dies ist die instrumentelle Viabilität oder adaptive Passung oder Kompatibilität statt epistemischer Korrespondenz oder Isomorphie zwischen inneren Wahrnehmungen und Umwelt: Wahrnehmung ist koordinierende und wiederholende, organisierende Aktivität im Dienst des (Über-)Lebens und das Objekt ist die Folge, das Konstrukt dieses Handelns (vgl. von Foerster et al. 1995, 30—31, und 18—31). Aus der Ablehnung einer realistischen bzw. objektivistischen Interpretation der Theoriehaltigkeit der Erfahrung folgt für den Konstruktivismus nicht generell, dass die Naturwelt chaotisch organisiert ist. Aus der Tatsache, dass Menschen zu Bildung von prognosefähigen deskriptiven und kausalanalytischen Theorien in der Lage sind, die in realen Wechselwirkungen zwischen systemischen Sensoren und der Realität gründen, folgen transzendentallogisch zu erfragende Inhalte, die eine ontologische Bedeutung haben können. Der Ansatz lässt sich eher und allgemeingültiger als negative Epistemologie — in Analogie zur negativen Theologie — beschreiben, mit provokativer Akzentuierung des Unterschiedes zwischen direktem Erkennen als Wahrnehmen, symbolisch-operationalem Denken und weder erkennendem noch denkendem Erschließen. Auch wurde die ursprüngliche konstruktivistische Ächtung des Informationsbegriffs und des kognitiven Funktionalismus mit dessen Grundbegriffen Information und Repräsentation kritisiert (vgl. Oeser / Seitelberger a.a.O. 1988, 47). Roth (Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen, Frankfurt/M. 1994), gegenwärtig einer der wichtigsten europäischen Denker des Konstruktivismus, modifiziert Maturanas pauschale Gleichung: Leben ist Erkennen, und trennt Autopoiose (= Selbstorganisation und Selbsterhaltung) von Kognition (= Selbstreferentialität, welche vereinbar ist mit dem Informationsbegriff und kognitivem Funktionalismus). Im Gegenteil tendiert die biologische Grundlagenforschung heute zur Logifizierung des Lebens bzw. der Selbstorganisation (vgl. Fontana: Molekulare Semantik. Evolution zwischen Variation und Konstruktion. In: Braitenberg, V./Hosp, I. (Hrsg.) Evolution, Reinbek bei Hamburg 1994, 69—106).

Genetik und Konstruktionismus

Massive Unterstützung und Bestätigung erfährt der konstruktionistische Ansatz durch das seit einem Jahrzehnt explosionsartig gewachsene Wissen um Bau und Arbeitsweise der Gene und des Genoms (Human Genome Project u.a.). Joachim Bauer (Universität Freiburg), bekannter Genforscher und Psychiater, hat die einschlägige Forschungsliteratur und ihre Ergebnisse in Das kooperative Gen, Hamburg 2008, zusammengefasst.

Vielleicht ist der beste Einstieg in Bauers Darstellung die zentrale Einsicht des Kognitionswissenschaftlers Daniel Dennett, dass das Leben und die Organismen und schon die physikalisch-chemische Natur aus objektiver Intelligenz bestehen. Höhere biochemische Maschinen oder Lebensformen sind intelligente Systeme (wie Organismen) oder Subsysteme (wie das Stoffwechsel- und Immunsystem). Sie sind „Systeme, die von Informationen gelenkt werden und nach Zielen streben“ (Dennett: Spielarten des Geistes, München 2001, 40). Lebensformen sind mithin Akteure, die Dennett intentionale [zweckgerichtete] Systeme nennt. Als solche benötigen sie Repräsentationen der intentionalen äußeren Zielobjekte sowie der inneren Antriebsmotive. Repräsentationen bestehen aber aus semiotischen Zeichensystemen und den darin kodierten Bedeutungen (intensionalen Gehalten), Überzeugungen und Wünschen.

B. McClintock [WikiCommons]Bauers Überblick zur genetischen Grundlagenforschung zeigt nun, dass — in einem Wort — in der Genetik dasselbe gilt: "Gene bzw. Genome folgen drei biologischen Grundprinzipien ...: Kooperativität, Kommunikation und Kreativität [...] Den Anfang des Lebens markiert ... das Prinzip der Kommunikation, das heißt des Erkennens und der Übermittlung von Information." (2008, 17, 33) Die Pionierin der Genforschung Barbara McClintock prägte daher das Wort: "The genome is a higly sensitive organ" und ihr jüngerer Kollege James Shapiro nennt die DNS ein "communication molecule", wodurch Zellen zu "cognitve entities", kognitiven Trägersubjekten, werden (vgl. Bauer 2008, 89). [Foto rechts: Barbara McClintock, 1902—1992, Nobelpreis 1983 für die Entdeckung der Transposone resp. springenden Gene]

Und hier, so Bauer, "zeigen sich die Unzulänglichkeiten der darwinistischen Dogmen. Zufällige Variation (des biologischen Substrats) und Selektion ... sind nicht einmal ansatzweise hinreichende Voraussetzungen für eine Erklärung der Kommunikationsphänomene und der Zuwächse an Komplexität [...] Wir sollten ... beginnen, unser Denken über das, was und was ist, an die beobachtbaren Realitäten anzupassen, und uns von den Scheuklappen des Darwinismus zu befreien." (2008, 47—48)

Der genetische Ansatz der konstruktionistischen Theorie der Entwicklung des Lebens ist sich bewusst, dass er in Konkurrenz zum darwinistischen Ansatz steht und folgerichtig einen evolutionsbiologischen Paradigmenwechsel fordern muss: "Das darwinistische Universaldogma, bei jedem noch so erstaunlichen biologischen Phänomen handle es sich um die Folge einer zufälligen Variation, die dann evolutionär selektiert worden sei, bietet keine rationale Erklärung. Der Glaube an den Zufall [...der] als Säulenheiliger der Gemeinde waltet und schaltet, die sich dem Darwinismus verschrieben hat", besteche allenfalls durch "Schlichtheit". Insbesondere "mehrzellige Lebewesen benötigen ... einen Körperbauplan" und damit "ein koordiniertes genetisches Programm, das zum einen Teilungsprozesse steuert, zum anderen für die orts- und zeitgerechte Synthese von Proteinen sorgt, die Zellen aneinander binden [...] Organismen mit einem definierten Körperbau benötigen ... zusätzlich einen inneren Bauplan, der nach einem zeitlich und räumlich geordneten Verfahren für eine Spezialisierung unterschiedlicher Zellen an unterschiedlichen Orten des Körpers sorgt und zugleich die Wachstumsprozesse begrenzt, sobald die jeweilige Zielgröße eines Gewebes erreicht ist" (2008, 59—60).

Die Genetik bringt in der Tat erdrückendes Material herbei, das diese neue Sicht stützt. So bestehen nur 1,2 % des menschlichen Erbgutes aus klassischen Genen, aber 43 % des Genoms bestehen aus kreativen Modulen im Dienst der binnen- und zwischenzellulären Wahrnehmung, Kommunikation und kreativen, aktiven (autopoietischen) Konstruktion, aber auch Kontrolle und Überwachung. Bauer nennt sie Transpositionselemente (v.a. sog. Mikro-RNS aus der genetischen Gattung der sog. Repeat-Sequenzen). Diese können von den Zellen selbst hergestellt und anschließend aktiv in das Genom des Zellkerns eingefügt werden = sog. reverse, umgekehrte Transkription! (vgl. 2008, 40—45, 91—99, 112—119)

"Die Analyse zahlreicher Genome zeigt: Was neue Arten entstehen ließ, waren vom Genom selbst ausgehende Umbauprozesse innerhalb der genomischen Architektur, die sich gemäß inhärenten (im Genom selbst verankerten) Prinzipien abspielten. Genomische Umbauprozesse, die der Evolution zugrunde liegen, sind ... nicht völlig zufällig, sondern folgen biologischen Regeln, sie sind [...] Ein erstes Prinzip der Evolution der Gene betrifft die aktiv bewahrte Stabilität [...] Stabilität von Genen über Dutzende, ja Hunderte von Millionen Jahren widerspricht dem darwinistischen Dogma kontinuierlicher — noch dazu dem Zufallsprinzip unterworfener — Mutationen des Genoms. Gleiches gilt für die sich über Millionen von Jahren ... erstreckende erstaunliche Stabilität lebender Arten, ein als Stasis oder Robustheit bezeichnetes Phänomen [...] Ein zweites, für die Entwicklung neuer Arten zentrales und entscheidendes Evolutionsprinzip ist Duplikation, Ortswechsel und Rekombination von Genen. Auch dieser Prozess ist — entgegen dem darwinistischen Dogma — alles andere als ungerichtet bzw. dem reinen Zufall unterlassen, vielmehr wird er vom Genom selbst organisiert." (2008, 72, 81) Auslöser scheinen meist umweltbedingte Stressoren zu sein, worauf "Genome ... reagieren, indem sie ihre Architektur nach eigenen inneren Gesetzen modifizieren." (2008, 108) Siehe dazu mehr im Untermenu Lebenswissenschaften.

Der genetische Konstruktionismus beansprucht, zum ersten Mal eine sehr weitgehende Erklärung der Komplexität der Lebensformen zu bieten: "Die erst in den letzten Jahren gelungene Aufdeckung dieses kreativen evolutionären Potentials lebender Systeme macht jetzt erstmals verständlich, wie und warum die Evolution von einem Komplexitätszuwachs lebender Organismen begleitet war und ist. Mittels der (neo)darwinistischen Prinzipien der Evolution, nämlich Zufallsmutationen und natürliche Auslese, ließ sich das Phänomen des Komplexitätszuwachses nie erklären. Die Annahme, Zufallsmutationen hätten aus einem einzelligen Lebewesen einen vielzelligen, vermehrungsfähigen Organismus mit Körperbauplan entstehen lassen, gleicht der Erwartung, es bilde sich — nach dem Zufallsprinzip — schließlich ein Wolkenkratzer, wenn man die dazu nötigen Komponenten nur oft genug auf einen Haufen schütte." (2008, 125-126)

Auch im Blick auf Verhalten, Sozialität, Altruismus und Ethik ist der evolutionsbiologische Konstruktivismus ein Kritiker der darwinistischen Soziobiologie, wie sie z.B. Konrad Lorenz oder aktuell Richard Dawkins mit der Theorie des egoistischen, amoralischen, einzelkämpferischen Gens vertreten. Man sieht in letzterer Soziobiologie einerseits ein Abweichen voJoachim Bauer Netz CC BY SA 4.0n Darwins ursprünglicher Einsicht, dass vitale und Bindungsbedürfnisse, Zuneigung und Gerechtigkeitssinn primäre biologische Bedürfnisse und Einstellungen sind, und Kampf und Aggression sekundäre Reaktionen auf Bedrohungen dieser primären Bedürfnisse. Vgl. auch hier die Übersicht bei Bauer: Das kooperative Gen, 2008, 147—156, 160—170, und ausführlicher ders.: Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren, Hamburg 2006 sowie Selbststeuerung, München 2015. Andererseits macht man darauf aufmerksam, dass sich dennoch umgekehrt Charles Darwin ausdrücklich zu Rassismus und Sozialdarwinismus bekannte, einen globalen Existenzkampf zwischen stärkeren und schwächeren Individuen sowie höheren und niederen Rassen um Lebensrecht und Weltherrschaft voraussagte und den Sozialstaat ablehnte (vgl. Darwin: Die Abstammung des Menschen, Paderborn 2005 [1871] und Bauer: Das kooperative Gen 2008, 148—150). [Foto rechts: Joachim Bauer]

Bauers Fazit ist, dass der Darwinismus mehr und mehr von Angst motiviert ist und mit neurotischen Abwehrmechanismen operiert: "Manche, die außerhalb des biologischen Diskurses stehen, werden es mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen: Der Zufall gehört zu den brisantesten Themen der Biologie. Von den Gralshütern des Darwinismus wird er wie eine Reliquie gehegt. Die Motive, die diesem Beharren zugrunde liegen, sind zwar historisch nachvollziehbar, doch [... sie] haben sich mittlerweile nicht nur überlebt, sie sind zu einer dogmatischen Erkenntnisbremse verkommen, die es aufzubrechen gilt [...] Die Angst, der Religion ein neues Einfallstor in die Biologie zu eröffnen ... hat dazu geführt, dass jeder geäußerte Zweifel am evolutionären Zufallsprinzip heute die Gefahr der Exkommunikation aus der wissenschaftlichen Gemeinde nach sich zieht." (2008, 109—110)

Bauers eigener Standpunkt zum Verhältnis Biologie und Religion ist der, dass wir anerkennen sollten, "dass die Biologie ihr letztes Geheimnis wohl niemals lüften wird" (2008, 22), was auch Darwins letzter Standpunkt gewesen sei, der meinte, aufgrund "der extremen Schwierigkeit oder eigentlich Unmöglichkeit, sich vorzustellen, dieses gewaltige, wunderbare Universum einschließlich des Menschen ... sei nur das Ergebnis blinden Zufalls", sollte er sich "wohl einen Theisten nennen". Er sei "jedoch sehr" schwankend und definiere sich als Agnostiker: "Das Mysterium vom Anfang aller Dinge können wir nicht aufklären; und ich jedenfalls muss mich damit zufrieden geben, ein Agnostiker zu bleiben" (Darwin: Mein Leben, Frankfurt 1993 [1887], 97—98).

Es ist verständlich, dass diese engagierte und folgerichtige Erneuerung des evolutionsbiologischen Konstruktionismus, für welche in Deutschland v.a. Joachim Bauer (Freiburg) steht und in den USA James A. Shapiro (Chikago), heftige Diskussionen auslöst. Wer diese Diskussionen beobachtet, wird allerdings feststellen, dass das gegnerische Lager der Synthetischen Evolutionstheorie durchaus keine einheitliche Front bietet, sondern v.a. wegen der aus der Genetik kommenden Befunde in sich gespalten ist.