Dr. phil. Paul Natterer

Natterer: Philosophie des GeistesDas Menu "Philosophie des Geistes" ist als Buch erhältlich. Es bildet Teil III von Natterer, Paul: Philosophie des Geistes . Mit einem systematischen Abriss zur Biologischen Psychologie und zur Kognitionswissenschaft [= Edition novum studium generale 5] , Norderstedt 2011, 177-295. Mit vier Farbabbildungen. Verkaufspreis 29,90 € [ISBN 978-3-8423-4566-9].

Der Band integriert, wie der Titel sagt, auch die Menus "Biologische Psychologie" und "Grundriss der Kognitionswissenschaft" .

Vorbemerkung zur Philosophie des Geistes

Seit der kognitiven Wende (cognitive turn) Ende der 60er Jahre des 20.Jh. in Psychologie, Linguistik, nachklassischer Logik und Wissenschaftstheorie und der Ende des 20. Jh. einsetzenden transzendentalen Wende (transcendental turn) in der Analytischen Philosophie gilt die Philosophie des Geistes vielfach als neues Kernfach der akademischen Philosophie. In ihr verbindet sich (1) eine Neuthematisierung der klassischen Bewusstseinsphilosophie, die traditionell in Deutschland ihren Mittel- und Schwerpunkt hatte (Leibniz – Kant – Fichte - Schelling - Hegel - Husserl) mit (2) dem gegenwärtig im Vordergrund stehenden Forschungsprogramm der Kognitionswissenschaft (cognitive science) und den (3) subjektphilosophischen und platonisch-idealistischen Interpretationen (mind over matter) der Quantentheorie und physikalischen Kosmologie (Bohr, Heisenberg, Wheeler, Rohs, Chalmers, Auyang). In Folge zwei aktuelle Einschätzungen zur Philosophie des Geistes durch führende Vertreter des Faches:

Die „Philosophie des Geistes [ist] derzeit die Leitdisziplin [...] der akademischen Philosophie [...] Man kann deshalb mit Fug und Recht von einer echten Renaissance der Bewusstseinsphilosophie sprechen [die...] im deutschsprachigen Raum immer im Mittelpunkt der philosophischen Deutung“ stand, wodurch die „deutsche Philosophie des Geistes eine große Wirkung auf andere Kulturkreise und andere philosophische Traditionen entfaltet[e] [Das] Problem des Bewusstseins [bildet heute zusammen mit der] Frage nach der Entstehung des Universums die äußerste Grenze des menschlichen Strebens nach Erkenntnis“ [Thomas Metzinger: Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, Paderborn/München/Wien/Zürich, 3. Aufl., 1996, 11-12, 15].

„Bewusstsein“ und das „Leib-Seele-Problem“ sind „gegenwärtig das philosophische Thema überhaupt“ [Meixner, Uwe: Die Aktualität Husserls für die moderne Philosophie des Geistes. In: Meixner U. / Newen A. (Hrsg.): Seele, Denken, Bewusstsein. Zur Geschichte der Philosophie des Geistes, Berlin/New York 2003, 388]

Auf dieser Seite finden Sie eine Übersicht der Thesen und Argumente von führenden Denkern der Philosophie des Geistes: John Searle (USA) – Franz von Kutschera (Deutschland) – Daniel C. Dennett (USA) – David J. Chalmers (Australien) – Antonio R. Damasio (Portugal / USA) – Steven Pinker (Kanada / USA) – Thomas Metzinger (Deutschland) – Ansgar Beckermann (Deutschland) – Patricia Kitcher (USA) – Jaegwon Kim (Korea / USA).

Zum Teil fließen in die Darstellungen auch persönliche Diskussionen ein: So habe ich mit Patricia Kitcher und der von ihr geleiteten North American Kant Society (Eric Watkins, Paul Guyer, Karl Ameriks u.a.) und mit Thomas Metzinger und seiner Arbeitsgruppe (Bettina Walde u.a.) einige Themen der Philosophie des Geistes näher erörtert, namentlich deren interdisziplinäre Vereinheitlichung und Konfrontation mit Kants Vernunftkritik. Die Hauptlinien und -denker der analytischen Philosophie des Geistes habe ich erstmals bei Ulrich Nortmann (Universität Bonn, heute Saarbrücken) erarbeitet. Auch die Darstellung zu Jaegwon Kim in Folge ist von Nortmann inspiriert, der inzwischen selbst als prominenter Denker der Philosophie des Geistes gelten kann mit innovativen Darstellungen zur Mathematik, Logik, Quantenphysik, Ontologie sowie zur imaginalen Kodierung (iconic turn).   

Eine Orientierung über die hier überall vorauszusetzende realwissenschaftliche Datenbasis bietet das Untermenu zur Biologischen Psychologie. Einführende philosophische Orientierungen zur Gegenwartsdiskussion finden sich bei Martin Carrier/Jürgen Mittelstraß: Geist, Gehirn, Verhalten: Das Leib-Seele-Problem und die Philosophie der Psychologie, Berlin/New York 1989, und Ansgar Beckermann: Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes, Stuttgart 2008.

Hauptvertreter der Philosophie des Geistes

John R. Searle: The Rediscovery of the Mind

John Searle [WikiCommons]Als Vollender und Systematisierer der von Austin und Wittgenstein/Anscombe grundgelegten Sprechaktheorie ist Searle der wohl bekannteste und einflussreichste Sprachwissenschaftler der Gegenwart. Er hat sich immer stärker mit der Philosophie des Geistes beschäftigt und auch hier Epoche machende Analysen vorgelegt. Sein Ansatz und Programm erhellt aus diesen Zitaten: „Most mainstream cognitive scientists simply repeated the worst mistake of the behaviorists: They insisted on studying only objectively observable phenomena, thus ignoring the essential features of the mind“ - „The philosophy of mind of the past fifty years ... is a [collective] compulsive neurotic ... repeating the same pattern of behavior over and over“ - „The ontology of the mental is an irreducibly first-person ontology [of conscious subjectivity]“ [John Searle: The Rediscovery of the Mind, Cambridge / Mass.,1992, XII, 31, 95].

Thesenübersicht zu: John R. Searle: The Rediscovery of the Mind, Cambridge/MA 1992 [Dt: Die Wiederentdeckung des Geistes, Frankfurt am Main 1993; Neubearbeitung unter dem Titel: Searle, J. : Mind, Oxford 2004 / dt: Searle, J.: Geist. Eine Einführung, Frankfurt am Main 2006]:

Franz von Kutschera: Die falsche Objektivität

Franz von Kutschera ist der wohl vielseitigste Vertreter der Analytischen Philosophie in Deutschland. Seine Standardwerke zur Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie, Intensionalen Logik u.a. haben internationale Beachtung gefunden. Seit den 90er Jahren des 20. Jh. engagierte sich Kutschera in der gegenwärtigen Diskussion zur Philosophie des Geistes. Seine Positionen sind diese: Menschliche Personen als kognitive Subjekte sind weder materialistisch noch in der platonisch-cartesianischen Tradition dualistisch (als geistige Substanz oder res cogitans) zu fassen, sondern eher als psycho-physische Systeme zu verstehen (vgl. Kutschera a.a.O. 1993, 201–221). Seelische Vorgänge sind nomologisch und z.T. analytisch (Wahrnehmung und Sprachmotorik) mit körperlichen verbunden. Das bedeutet: Personen umfassen auch essentielle körperliche Merkmale und sind Träger der psychischen und physikalischen Eigenschaften.

Das Seelische ist in dem lebenden psychophysischen System, das wir Mensch nennen, kein Objekt, keine Substanz für sich, sondern ein Inbegriff psychologischer Phänomene (Denken, Empfinden, Intendieren, Glauben) als Fähigkeiten und Eigenschaften. Auch das Körperliche ist kein Objekt, keine Substanz für sich, sondern der Inbegriff der körperlichen Fähigkeiten und Eigenschaften. Personen sind ein psycho-physisches Kontinuum vom Physikalischen über den quantitativ beherrschenden Bereich des Psychophysischen zum Psychischen.

Personen sind ferner keine Objekte der äußeren Erfahrung, die wir begreifen können, sondern Subjekte der inneren Erfahrung (mentale Akte und Zustände wie Empfindung, Wahrnehmung, Intentionalität), deren wir im Selbstbewusstsein unmittelbar bewusst sind, die also nicht reflexiv erfasst werden müssen und darum systematisch ungreifbar bleiben (Ryle: The Concept of Mind, London 1949). Person als Subjekt mentaler Akte und Zustände umfasst die theoretische Rationalität, also das kantische Programm der transzendentalen Einheit der Apperzeption (vgl. Kutschera a.a.O. 1993, 218), und praktische Rationalität, also das kantische Programm der praktischen Vernunft als verantwortliches Handeln aus begründeten Überzeugungen (vgl. Kutschera a.a.O. 1993, 221–236).

Die Systemtheorie, d.h. die Beschreibung menschlicher Personen als psycho-physische Systeme, aktualisiert im Übrigen weitgehend den in der Tradition vorfindlichen Ansatz des Aristoteles. Dieser definiert die menschliche Psyche und das Organisationsprinzip organischer Lebewesen überhaupt als deren Informationsprinzip (immanente Formursache und Entelechie): „Seele ist die erste Entelechie eines organischen physischen Körpers“ (Aristoteles: de anima, B, 1; 412 b 4) Vgl. die Weiterführung dieses weder monistisch-materialistischen noch idealistischen noch dualistischen, sondern informationell-systemischen Paradigmas der psychosomatischen Einheit bei Thomas Aquinas und dessen Theorie der direkt proportionalen Korrelation von einerseits: operational geschlossener Selbstorganisation ("moveri a seipso" und"actio immanens"), Selbsterhaltung ("circulatio"), Selbstreferentialität, Reflexivität ("conversio ad seipsum"); sowie andererseits: Systemstabilität, -subsistenz, -autonomie und -fitness (vgl. summa contra gentiles 4, 11, 1–4; summa theologica I, qu. 18, art. 3, corp.).

Thesenübersicht zu: Franz von Kutschera: Die falsche Objektivität, Berlin / New York 1993 [sowie zu Chalmers, siehe in Folge]. Weiterführend: F. v. Kutschera: Die Wege des Idealismus, Paderborn 2006, und ders.: Philosophie des Geistes, Paderborn 2009.

Daniel Dennett: Kinds of Minds

D. Dennett [WikiCommons]Daniel Clement Dennett (* 1942, Foto links) ist Direktor des Zentrums für Kognitionswissenschaft an der Tufts University. In der Besprechung eines Aufsatzes von David Chalmers verglich er sich nicht zu Unrecht einmal mit dem Mannschaftskapitän der Materialisten oder Naturalisten auf dem Spielfeld der Philosophie des Geistes, während Chalmers der Kapitän der gegnerischen mentalistischen Mannschaft sei. Dennetts Hauptwerk ist wohl nach wie vor das seinerzeit sehr gefeierte Consciousness Explained, Boston 1991; dt: Philosophie des menschlichen Bewusstseins (übers. von Franz M. Wuketits), Hamburg 1994, 635 S. Eine neue Zusammenfassung seiner Sicht hat er vorgelegt in Spielarten des Geistes. Wie erkennen wir die Welt? Ein neues Verständnis des Bewußtseins, München 2001 [engl.: Kinds of Minds, New York 1996].

Dennetts Naturalismus und uneingeschränkt physikalistische oder materialistische Erklärung von unten nach oben macht der von ihm oft wiederholte Satz deutlich: „Jeder von uns ist eine Ansammlung von Billionen Makromolekülmaschinen, die letztlich alle von den ursprünglichen, selbstverdoppelnden Makromolekülen [biologischen Robotern] abstammen.“ (2001, 37)

Auf der anderen Seite arbeitet Dennett so überzeugend wie kaum ein anderer heraus, dass das Leben und die Organismen und schon die physikalisch-chemische Natur aus objektiver Intelligenz bestehen. Höhere biochemische Maschinen oder Lebensformen sind intelligente Systeme (wie Organismen) oder Subsysteme (wie das Stoffwechsel- und Immunsystem). Sie sind „Systeme, die von Informationen gelenkt werden und nach Zielen streben“ (2001, 40).

Auch Aristoteles – so Dennett – lässt z.B. das Stoffwechsel- und Immunsystem von einer vegetativen Seele aufgebaut und gesteuert werden. Diese ist aber genau ein Informationsprinzip oder innere Formursache (eidos) resp. Entelechie (entelecheia). Unter diesem Formprinzip versteht Aristoteles eine „sich selbst steuernde und selbst schützende Organisation“ (2001, 38–39).

Lebensformen sind mithin Akteure, die Dennett intentionale [zweckgerichtete] Systeme nennt. Als solche benötigen sie Repräsentationen der intentionalen äußeren Zielobjekte sowie der inneren Antriebsmotive. Repräsentationen bestehen aber aus semiotischen Zeichensystemen und den darin kodierten Bedeutungen (intensionalen Gehalten), Überzeugungen und Wünschen.

Biologische Systeme sind also intentionale Systeme, denen geistige Zustände zugeordnet werden müssen. Sie haben – fachtechnisch gesprochen – propositionale Einstellungen mit der logischen Struktur: x weiß, dass Pt ... ; y glaubt, dass Qt; z will, dass φ ... etc. (2001, 62).

Mehr dazu in dieser Skizze von Dennetts Philosophie des Geistes:

Dennett hat die Philosophie des Geistes nicht nur in theoretischer Hinsicht behandelt, sondern auch nach der handlungstheoretischen, ethischen Seite hin. Sein jüngster Schwerpunkt ist schließlich die naturalistische Religionsphilosophie; siehe hierzu das Menu: Atheismusdebatte. Repräsentativ für die Handlungstheorie ist der Aufsatz: Bedingungen der Personalität. Deutsch in: Bieri, P.: Analytische Philosophie des Geistes, 3. Aufl. Weinheim 1997, 303-324. Hier eine Thesenübersicht:

NB: Dennetts Thema in diesem Aufsatz sind, wie der Titel sagt, Bedingungen der Personalität. Sie werden dargestellt als genetisch aufeinander aufbauende Entwicklungsstufen der Personalität oder des Subjektbewusstseins. Die Stufen sind gekennzeichnet durch immer reichere und leistungsfähigere Selbstmodelle. Die Philosophie des Geistes ist nun in der glücklichen Lage, dass es eine nach Thema, Methode und Aufbau völlig entsprechende Ausarbeitung in Buchform gibt und zwar von Klaus Düsing: Selbstbewußtseinsmodelle. Moderne Kritiken und systematische Entwürfe zur konkreten Subjektivität, München 1997. Wer eine selbstständige Bearbeitung des Themas sucht und zwar durch einen der ausgewiesendsten Analytiker - auch im Blick auf die philosophiegeschichtliche Tiefendimension und die interdisziplinäre Breitendimension - wird hier fündig werden. Düsing analysiert zuerst in seltener Vollständigkeit Einwände gegen eine Theorie des Selbstbewusstseins von Mach, Husserl, Sartre, Freud, Adorno, Luhmann, Mead, Habermas, Hartmann, Heidegger, Russell, Wittgenstein, Ryle, Rorty, Dennett, Nagel, Plotin, in der klassischen deutschen Philosophie, bei Herbart, Husserl, Ryle, Henrich u.a. Dabei prüft Düsing auch die Standpunkte vieler der auf dieser Seite vorgestellten Vertreter der Philosophie des Geistes auf logische Korrektheit und Erklärungskraft. Das Hauptergebnis ist, dass idealistische Theorien des Ich wie im Platonismus und Deutschen Idealismus von modernen Kritiken in vielem nicht getroffen werden und von daher nicht widerlegt sind. Ein zweiter Teil zeichnet die idealisierte Genese sieben aufeinander aufbauender Selbstbewusstseinsstufen mit jeweils anspruchsvolleren Selbstmodellen. Hier trifft sich Düsing mit bekannten modernen Ansätzen wie Dennetts, Metzingers und Damasios gestufter Selbstmodelltheorie des Geistes und Damasios präreflexivem Proto- und Kernselbst oder Patricia Kitchers neokantischer transzendentaler Psychologie zur genetischen Erklärung von Personalität und Personidentität.   

David J. Chalmers: The Conscious Mind

David Chalmers [Foto: Wikicommons]Chalmers (Foto links) ist Direktor des Centre for Consciousness der Australian National University und Co-Direktor des Center for Mind, Brain, and Consciousness der New York University. Er entwickelte eine der differenziertesten und einflussreichsten Theorien zur Sache. Sie hat inzwischen Leitfunktion für nichtreduktionistische Ansätze des Mentalen.

Mentale Binnenstruktur

Kernaussagen Chalmers' sind:
Mentale Terme haben eine dreistufige Binnenstruktur:
(P) physikalisch-funktionalistisch (kausal neurowissenschaftlich),
(F) psychologisch-funktionalistisch (kausal-funktional),
(B) phänomenal (intentional und reflexiv bewusst).
Der Aspekt (B) zeigt ferner diese Binnendifferenzierung in:
(b1) phänomenales Bewusstsein (consciousness) betreffs intentionaler qualia
(b2) psychologisches Bewusstsein (awareness) als Introspektion und Reflexion betreffs mentaler Akte und Zustände (Wachheit – Introspektion – existentielles und repräsentationales Selbstbewusstsein – Aufmerksamkeit – willentliche Kontrolle – Wissen).

Bewusste phänomenale Ebene

Die bewusste phänomenale Ebene (B) ist die kognitiv entscheidende Ebene. Sie
- enthält die kognitiven Inhalte (phänomenale Qualia, intensionale Bedeutungen, mentale Topologien, Symbole, Grammatik und Operatoren);
- führt die hochstufige Informationsrepräsentation und -verarbeitung durch;
- leistet die intentionale Struktur der Kognition (propositionale Einstellungen);
- ist Basis der Zeit- und Raumerfahrung und -ordnung;
- garantiert die kognitive Indexikalität (zentriertes kontextuelles Bewusstsein des Erlebnisraums) als Bedingung objektiver Lokalisierung und Datierung;
- erzeugt distinkte Erfahrungsobjekte und -ereignisse;
- ist das diachrone und synchrone Einheitsprinzip der Erfahrung.

Die gegenwärtige Diskussion kreist um die These (Kripke, Nagel, Searle, Chalmers, Metzinger, Kutschera, Gärdenfors), dass die Erklärungen mentaler Phänomene (P) und (F) als unvollständig zu betrachten sind, da korrektes neuronales und kausal-funktionales Funktionieren eines Organismus nicht erklärt, warum er kein Roboter und Zombie ist, sondern Bewusstsein haben soll. Dass daher kein logisch notwendiger Zusammenhang zwischen (P) und (F) einerseits und (B) andererseits vorliegt. Eine reduktionistische Erklärung in den Begriffen der Ebenen (P) und (F) ist keine Reduktion der phänomenalen Ebene (B).

Damit verbindet sich die vieldiskutierte These der doppelten Semantik (Chalmers): Die primäre und entscheidende Beschreibungs- und Erklärungsebene mentaler Sachverhalte und primäre Intension (Bedeutung) von mentalen Sachverhalten ist apriorisch begriffsanalytisch und damit Gegenstand der begrifflichen Erklärung, und ihr Referent ist die phänomenale Entität in der aktualen Welt. Auf dieser Ebene liegen die primären Wahrheitsbedingungen mentaler Terme und die primären Aussagen. Die sekundäre Intension (Bedeutung) eines mentalen Sachverhalts ist die empirisch-naturwissenschaftliche Struktur und sie ist damit Gegenstand der naturwissenschaftlichen Erklärung in der aktualen und kontrafaktischen, möglichen Welten.

Die beste Einführung in Chalmers Ansatz ist sein aufsehenerregender Leitvortrag auf der "Tucson conference on consciousness" 1994:  Facing Up to the Problem of Consciousness . Er erschien im  Journal of Consciousness Studies, Special Issue: Explaining Consciousness: The "Hard Problem" (1995).

Eine ausführlichere Thesenübersicht zu David J. Chalmers: The Conscious Mind. In Search of a Fundamental Theory, New York / Oxford 1996 [und zu Franz von Kutschera: Die falsche Objektivität, s.o.] finden Sie hier:

Kosmologische Systemstelle des Geistes

Chalmers ebenfalls vielbeachteter Aufsatz Consciousness and its Place in Nature erörtert darüber hinaus die Frage nach dem Zusammenhang von objektivem Geist (Information, Bedeutungen), subjektivem Geist (Bewusstsein) und physikalischer Natur. Er erschien in Stich / Warfield: The Blackwell Guide to Philosophy of Mind, New York 2003. Der Aufsatz bietet eine Systematisierung und Wertung der zur Zeit vertretenen Standpunkte und Argumente. Chalmers präzisiert die auch von ihm geteilte Zwei-Aspekte-Theorie (Dual-Aspect-Theorie, siehe Philosophie der Physik), von ihm naturalistischer Dualismus genannt, dahingehend, dass zum einen subjektiver Geist (Bewusstsein) nicht auf objektiven Geist (Information) reduzierbar ist, sondern eine eigene ursprüngliche Realität darstellt. Zum anderen dass die physikalische Natur zwar wesentlich objektiven Geist (Information, Bedeutungen) verkörpert, aber als zentrierte raum-zeitliche Welt der Erfahrung zugleich von subjektivem Geist (Bewusstsein) abhängt.

Chalmers differenzierte Synthese von objektivem Geist, subjektivem Geist und physikalischem Universum ist ursprünglich einer ultimativ physikalistischen Ontologie verpflichtet. Sie war damit eine Variante des nichtreduktionistischen Physikalismus, der die reale Existenz mentaler Eigenschaften und Prozesse anerkennt - aber nur als Emergenzen einer ultimativ physikalischen Substanz der Realität. Die Frage, ob man in der Philosophie der Physik beim holistischen Quantenuniversum Halt machen kann als der ultimativen physikalischen Ontologie, lag zunächst außerhalb seines Bildungsganges und seines Horizontes. Ebenso die Frage, ob in der Philosophie des Geistes ein kollektives Unbewusstes o.ä. als ultimative Ontologie des Geistes akzeptiert werden kann. Ausgangspunkt und Schwerpunkt der klassischen und modernen Erkenntnistheorie und Ontologie ist nun aber gerade die sich sachlogisch auferlegende Transzendierung der physikalistischen Weltanschauung. Erkenntnistheorie und / oder Ontologie erzwingen die Annahme apriorischer transzendentaler Bedingungen des Wissens und der Wissenschaft. Bei eindringender Kenntnisnahme erzwingen sie auch die Annahme einer metaphysischen Formatierung und damit Herkunft des Geistes. Sie erzwingen in ihrem Hauptstrang damit die Möglichkeit und Tatsächlichkeit einer nichtphysikalistischen Ontologie (siehe in Folge). Eine interdisziplinär Ernst zu nehmende Theorie des Geistes oder Bewusstseins sollte dies zumindest diskutieren. Was hier zur Diskussion steht, zeichnen die Portale zur Erkenntnistheorie sowie zur Ontologie nach.

Metaphysische Systemstelle des Geistes

David Chalmers' jüngste Entwicklung zeigt nun idealtypisch die sich sachlogisch auferlegende Transzendierung der physikalistischen Weltanschauung, die wir zuletzt angesprochen haben. Er glaubt inzwischen, dass gute Gründe dafür geltend gemacht werden können, dass (i) die physikalische Natur in ihrem Wesen ein globales Netzwerk von Informationen ist, ein kosmisches Computerprogramm, eine Matrix. Auf jeden Fall sei diese Hypothese widerspruchsfrei. Wenn sie zutrifft, impliziere sie die zwei weiteren Thesen, dass (ii) unser Geist ontologisch unabhängig von der Materie ist, und (iii), dass unsere Existenz von höheren Akteuren oder Mächten abhängt, die einer für uns nicht sichtbaren, metaphysischen Dimension der Realität angehören. Die Gotteshypothese und die Hypothese einer transzendenten Schöpfung der Welt der Erfahrung sei widerspruchsfrei und plausibel. Der Idealismus Platons und Berkeleys sei eine absolut Ernst zu nehmende Theorie. Das bedeute auch keinen Skeptizismus hinsichtlich der Außenwelt: Die normale Wahrnehmung und Erfahrung der Lebenswelt würden dadurch nicht in Frage gestellt. Auch nicht die Naturwissenschaft. Das gelte selbst für das skeptische Argument Descartes, wonach ein arglistiger Dämon uns eine illusionäre Außenwelt vorspiegele, denn auch in diesem Fall ändert sich nichts an der gewohnten und geordneten Erfahrung. Dasselbe gilt, so Chalmers, für das skeptische Argument Putnams, wir könnten isolierte Gehirne in einem Nährstofftank sein, denen per Gehirn-Computer-Schnittstelle die Realität simuliert wird:

"The hypothesis that I am envatted, is not a skeptical hypothesis, but a metaphysical hypothesis. That is, it is a hypothesis about the underlying nature of reality. Where physics is concerned with the microscopic processes that underlie macroscopic reality, metaphysics is concerned with the fundamental nature of reality. A metaphysical hypothesis might make a claim about the reality that underlies physics itself. Alternatively, it might say something about the nature of our minds, or the creation of our world. I think the Matrix Hypothesis should be regarded as a metaphysical hypothesis with all three of these elements. It makes a claim about the reality underlying physics, about the nature of our minds, and about the creation of the world. In particular, I think the Matrix Hypothesis is equivalent to a version of the following three-part Metaphysical Hypothesis. First, physical processes are fundamentally computational. Second, our cognitive systems are separate from physical processes, but interact with these processes. Third, physical reality was created by beings outside physical space-time." (The Matrix as Metaphysics. In: Ch. Grau (ed.): Philosophers Explore the Matrix, Oxford: Oxford University Press 2005). 

Informatik-Hypothese

Chalmers Metaphysische Hypothese hat drei Teile. Deren erster ist die These, dass Logik und Informatik die fundamentale Tiefenstruktur der Elementarteilchenphysik, Chemie und Biologie sind bzw. sein können: "The Computational Hypothesis says that physics as we know it is not the fundamental level of reality. Just as chemical processes underlie biological processes, and microphysical processes underlie chemical processes, something underlies microphysical processes. Underneath the level of quarks and electrons and photons is a further level: the level of bits. These bits are governed by a computational algorithm, which at a higher-level produces the processes that we think of as fundamental particles, forces, and so on [...] The hypothesis is coherent, if speculative, and I cannot conclusively rule it out." (ibid.)

Schöpfungs-Hypothese

Das zweite Element der Metaphysischen Hypothese ist die These, dass die logisch-mathematische Tiefenstruktur der Realität einschließlich unseres eigenen Organismus nicht von uns stammt, sondern von einer höheren Macht künstlich gestaltet und programmiert sein muss: "The Creation Hypothesis [...] is believed by many people in our society, and perhaps by the majority of the people in the world. If one believes that God created the world, and if one believes that God is outside physical space-time, then one believes the Creation Hypothesis. One needn't believe in God to believe the Creation Hypothesis, though. Perhaps our world was created by a relatively ordinary being in the "next universe up", using the latest world-making technology in that universe. If so, the Creation Hypothesis is true. I don't know whether the Creation Hypothesis is true. But I don't know for certain that it is false. The hypothesis is clearly coherent, and I cannot conclusively rule it out." (ibid.)

Leib-Seele-Hypothese

Das dritte Element der Metaphysischen Hypothese ist, dass mein kognitives System oder mein Geist durch Prozesse konstituiert wird, die außerhalb der physikalischen Raum-Zeit liegen: "The Mind-Body Hypothesis says: My mind is (and has always been) constituted by processes outside physical space-time, and receives its perceptual inputs from and sends its outputs to processes in physical space-time. The Mind-Body Hypothesis is also quite familiar, and quite widely believed. Descartes believed something like this: on his view, we have nonphysical minds that interact with our physical bodies. The hypothesis is less widely believed today than in Descartes' time, but there are still many people who accept the Mind-Body Hypothesis. Whether or not the Mind-Body Hypothesis is true, it is certainly coherent. Even if contemporary science tends to suggest that the hypothesis is false, we cannot rule it out conclusively.

The Mind-Body Hypothesis implies that I have (and have always had) an isolated cognitive system which receives its inputs from and sends its outputs to processes in physical space-time. In conjunction with the Computational Hypothesis, this implies that my cognitive system receives inputs from and sends outputs to the computational processes that constitute physical space-time. The Creation Hypothesis (along with the rest of the Metaphysical Hypothesis) implies that these processes were artificially designed to simulate a world. It follows that I have (and have always had) an isolated cognitive system that receives its inputs from and sends its outputs to an artificially-designed computer simulation of a world. This is just the Matrix Hypothesis. So the Metaphysical Hypothesis implies the Matrix Hypothesis." (ibid.) Vgl. Chalmers, D. J.: How Cartesian dualism might have been true (1990) [http://consc.net/notes/dualism.html].

Berkeley redivivus

Chalmers sieht in Berkeleys Philosophie einen geeigneten Bezugsrahmen für diese ultimative Forschungsebene. Natürlich hätte er für diesen Zweck genauso gut Platon, Leibniz, Kant und Husserl heranziehen können: "A hypothesis like this was put forward by George Berkeley as a view about how our world might really be. Berkeley intended this as a sort of metaphysical hypothesis about the nature of reality. Most other philosophers have differed from Berkeley in regarding this as a sort of skeptical hypothesis. If I am right, Berkeley is closer to the truth. The God Hypothesis can be seen as a version of the Matrix Hypothesis, on which the simulation of the world is implemented in the mind of God. If this is right, we should say that physical processes really exist: it's just that at the most fundamental level, they are constituted by processes in the mind of God." (ibid.)

Chalmers Netzpräsenz am Center for Consciousness Studies der University of Arizona ist die umfassendste Plattform für die Philosophie des Geistes. Sie bietet nicht nur zahlreiche weiterführende Aufsätze Chalmers' selbst v.a. zur Theorie des Mentalen und zur intensionalen Begriffslogik, sondern auch eine umfassende Literatur-Datenbank und Verknüpfungen zu verwandten Seiten.

Antonio Damasio: Ich fühle, also bin ich

Antonio R. Damasio ist zur Zeit - neben Steven Pinker - der vielleicht meistgelesene und bekannteste Vertreter der Philosophie des Geistes. Damasio ist Autor der Weltbestseller: Descartes' Irrtum - Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München 1994 [engl.: Descartes' Error: Emotion, Reason, and the Human Brain, 1994] sowie: Ich fühle, also bin ich, München 2000 [engl.: Antonio Damasio NetzThe Feeling of What Happens: Body and Emotion in the Making of Consciousness, 1999]. Der Neurobiologe Damasio steht für einen ganzheitlichen, körper- und emotionsbasierten Ansatz der Philosophie des Geistes, der die engen Beziehungen zwischen Kopf und Körper deutlich macht. Er integriert die Einsichten der neuen Disziplin der Biologischen Psychologie: "Der ständige Informationsaustausch zwischen Hirn, endokrinen Drüsen, Muskulatur und inneren Organen über periphere Nerven und Blutkreislauf bestimmt Verhalten ebenso wie die Einwirkungen aus der Umwelt und aus der phylogenetischen Vergangenheit (Erbsubstanz)." (Birbaumer / Schmidt: Biologische Psychologie, Berlin / Heidelberg / New York et al. 1996, 4). Diese Einsichten sind freilich nicht absolut neu, sondern fanden in jeder Epoche ihre engagierten Vertreter: in der Antike beispielsweise Aristoteles, in der Scholastik Thomas Aquinas, im Deutschen Idealismus Arthur Schopenhauer, in der Moderne Friedrich Nietzsche. [Foto rechts: A. Damasio, USC] Damasios Kernthesen sind:

(1) Bewusstsein und Emotionen sind nicht trennbar.
(2) Ich und Selbst und Selbstbewusstsein sind keine Illusionen und auch nicht reduzibel auf die physikalische Ebene.
(3) Ichbewusstsein umfasst aufeinander aufbauend eine (a) biologische Stufe: unbewusstes Protoselbst: Körperschema (b) sensorisch-emotionale Stufe: Kernbewusstsein oder Selbstgefühl (c) kognitiv-sprachliche Stufe: Erweitertes Bewusstsein oder Autobiographisches Selbst.
(4) Analog finden sich beim Objektbewusstsein (a) mentale Repräsentationen 1.Ordnung von Objekten auf der Basis vorbewusster, angeborener Wahrnehmungs- und Denkstrukturen, (b) mentale Repräsentationen 2. Ordnung (gefühlsbasierte Objekt-Organismus-Relationen), (c) mentale Repräsentationen 3. Ordnung (Integration von (b) in einen objektiven Raum-Zeit-Zusammenhang + Lokalisierung von (b) in der Individualgeschichte (Autobiographisches Selbst) + interpersonale Repräsentationen).

Bereits 50 Jahre vor Damasio hat der Persönlichkeitspsychologe und Begründer der Kulturanthropologie Erich Rothacker (1888-1965, Universität Bonn) die genauen Kernthesen von Damasios Modell des Geistes formuliert - in dem jahrzehntelangen Standardwerk der Persönlichkeitspsychologie Schichten der Persönlichkeit (51952 [11938]). Es nimmt ebenfalls durchgängig seinen Ausgang von der biologischen / medizinischen / psychologischen Datenbasis. Rothacker setzt wie später Damasio eine Tiefenperson an mit biologischer Vitalschicht oder vitalem Es (= Damasios Protoselbst) und psychischer Gefühlsschicht oder emotionalem Es bzw. Innesein (= Damasios Kernbewusstsein) und eine kognitiv-biographische Ichfunktion oder Personschicht (= Damasios Autobiographisches Selbst): "Das Gefühl ist der Keim des menschlichen Selbstbewusstseins. Es ist die typische Bewußtseinsform der Tiefenperson und wird im allgemeinen ... vom Ich nur partiell wach aufgenommen [...] Die 'bewußte Persönlichkeit' ist ein Doppelprozeß [...] Einmal ist es Denken (sowohl es-haftes als auch person-haftes), und außerdem ist es bewußt (d.h. ich-haft und ich-gesteuert)." (1952, 70, 78). Rothackers Ansatz ist bis heute präsent in seinen Schülern H. Schmitz, dem Begründer der Neuen Phänomenologie und H. Thomae, Entwicklungspsychologe und maßgeblicher Begründer der längsschnittlichen psychologischen Biographieforschung sowie der interdisziplinären Gerontologie. Zu seinen Schülern zählen ferner die Begründer der Transzendentalpragmatik und Diskursethik K.-O- Apel und J. Habermas.

Dieselben Zusammenhänge, welche Antonio R. Damasio und Erich Rothacker von neurobiologischer und persönlichkeitspsychologischer Seite stark machen, werden heute auch von mehr geisteswissenschaftlich ausgerichteten Denkern aufgegriffen und ins Relief gehoben. Ein bekannter Name ist u.a. der in der phänomenologischen Tradition stehende Linguist und Sprachphilosoph George Lakoff, der dies den Ansatz des embodied mind nennt, den Lakoff zuerst und vor allem an der durchgängigen Metaphorik der Sprache zeigen will: Die ursprünglichen Bedeutungen und Anwendungen der Substantive, Verben und Konjunktionen stammen - oft nicht mehr bewusst oder nachvollziehbar - aus der sinnenhaften Körperwelt und liefern noch für das hochstufigste und abstrakteste Denken der Mathematik und Wissenschaften die Bilder, die Metaphern, in denen sich das Denken und Sprechen vollzieht. Geist ist darüber hinaus, so Lakoff, eher sensomotorische und emotionale als abstrakte Intelligenz. Vgl. ders.: Philosophy In The Flesh: the Embodied Mind and its Challenge to Western Thought, 1999. Lakoff verbindet damit relativistische und antimetaphysische Positionen, die Damasios Ansatz fremd sind. Er betrachtet Geist und Denken in logischer Hinsicht als speziesrelativ und in ontologischer Hinsicht als Körperfunktion, womit er eine vielbeachtete Kritik S. Pinkers (siehe in Folge) provoziert hat.

Steven Pinker: The Blank Slate

Steven Pinker Göttingen 2010 G ambrus CC BY 3.0 NetzSteven Pinker (Harvard, Foto links) ist einer der bekanntesten Sprach- und Kognitionswissenschaftler der Gegenwart und sicher der einflussreichste Erneuerer und Fortführer der aprioristischen Chomsky-Schule. Pinkers Buch The Blank Slate. The Modern Denial of Human Nature (New York 2002) stellt dieses aprioristische resp. innatistische Programm in den Horizont der Entwicklungspsychologie und Soziobiologie, und zwar auf dem globalen Hintergrund der europäisch-westlichen Zivilisation mit ihren zwei maßgeblichen Theorien der menschlichen Natur: Einmal jene des biblischen Schöpfungsberichtes des prophetischen Theismus (USA: 75 % der Bevölkerung) und jene des herrschenden evolutionistischen Paradigmas der Naturwissenschaften (USA: 15 % der Bevölkerung) (1–3). In Europa zeigen Erhebungen ein stark vertretenes drittes, vermittelndes Paradigma: das Konzept der theistischen Evolution.

Das Prinzip blank slate (unbeschriebene Tafel) soll nun die naturwissenschaftliche „secular religion of modern intellectual life“ beschreiben (3): Es gibt kein feststehendes Wesen des Menschen, keine menschliche Natur – Alle sind von Natur aus gleich – Unterschiede sind immer ein Produkt der Sozialisation, Erfahrung und Kultur. Dieser Kulturrelativismus genießt einen „sacred status“ (7) und definiert politische Korrektheit.

Anderslautende Auffassungen werden als rassistische, sexistische und chauvinistische Vorurteile tabuisiert, als Sozialdarwinismus und Imperialismus. Dieser Kulturrelativismus ist nun aber – so Pinker - eine problematische Überspannung progressiver Ideale: „Many intellectuals have denied the existence of human nature by embracing three linked dogmas: The Blank Slate (the mind has no innate traits), The Noble Savage (people are born good and corrupted by society), and The Ghost in the Machine (each of us has a soul that makes choices free from biology)“. Pinkers Absicht ist, „to inject calm and rationality into these debates by showing that equality, progress, responsibility, and purpose have nothing to fear from discoveries about rich human nature“ (Selbstdarstellung).

Eigene Basis von Pinkers vorzustellender Kritik an diesem säkularen Dogma ist das atheistisch verstandene  naturwissenschaftliche Paradigma. In der Sache ist, so Pinker, dieses evolutive Verständnis der Genese von Geist und menschlicher Natur jedoch auch mit einem differenzierten Deismus verträglich (187) und, entsprechend dem namentlich in Europa starken Konzept der theistischen Evolution, mit dem Theismus.

Nun zu Pinkers Argument: Logische Voraussetzung des Kulturrelativismus ist die radikale Trennung von Materie, Biologie, Natur, Naturwissenschaften einerseits (nature) und Geist, Kultur, Gesellschaft, Geisteswissenschaften andererseits (nurture). Diese radikale Trennung steht jedoch, so Pinker, im Widerspruch zu den Fakten mehrerer Wissenschaften: (1) Das symbolisch-informationsverarbeitende Paradigma der Kognitionswissenschaft identifiziert Sprache und Denken als ein komplexes angeborenes Programm; (2) die Neurowissenschaft belegt die angeborene physikalisch-biologische Implementierung des Programms; (3) die Verhaltensgenetik zeigt in der Zwillingsforschung die Durchschlagskraft identischer genetischer Ausstattung, während andererseits schon minimale genetische Unterschiede gegensätzliches Verhalten verursachen können (z. B. Schimpansen – Bonobos); (4) die Evolutionspsychologie und Soziobiologie zeigen, dass angeborene Art- und Gattungsprogrammierungen individuelle Entscheidungen dominieren.
Also müssen beide, nature und nurture anerkannt werden, und zwar in Verbundenheit: „Good[hierarchical] reduction ... consists not of replacing one field of knowledge with annother, but of connectingor unifying them“ (70).

Paul Churchland [PhilWeb]Die angeborene Organisation der menschlichen Natur betrachtet der Kulturrelativismus als letzte Verteidigungstellung (the last stand) seiner Gegner. Seine Argumente gegen eine angeborene Organisation sind (I) die konnektionistische Theorie mentaler Repräsentation und Komputation (durch neuronale Netzwerke) mit der Voraussetzung einer lediglich allgemein-unbestimmtenStruktur neuronaler Netze, (II) die neuronale Plastizität bzw. eine behauptete grenzenloseFormbarkeit des Neuronenuniversums, und (III) die relativ geringe Anzahl von genetisch festgelegter Information (im Megabyte-Bereich, erhärtet durch das Human Genome Project) im Vergleich zur Informationsdichte des Gehirns (im Terabyte-Bereich) (75).

Zu (I): Es gibt zwei große Ansätze zur Theorie und Entwicklung intelligenter Systeme (KW und KI): Programmgesteuerte Computer und Komplexe dynamische Systeme / Neuronale Netzwerke [Vgl. den Abschnitt „Simulation des Denkens“ im Untermenu Kognitionswissenschaft] Pinker ist neben Chomsky und Fodor ein Hauptvertreter des ersteren Ansatzes, dessen Hochburg das MIT ist. Pinker: Der andere Ansatz der parallel-verteilten Informationsverarbeitung (PDP, Konnektionismus) kann v.a. assoziative, basale kognitive Leistungen erklären. Sein philosophischer Hauptvertreter ist Paul Churchland [Foto oben]. Dieser Ansatz versagt, so Pinker, vor sprachlich-begrifflicher (symbolischer) Informationsverarbeitung mit ihren komplexen Datenbasen und Funktionen, kategorialen und logischen Relationen und deren Rekursivität, Kompositionalität und Quantifizierung (79–82): „The rumor that neural networks can replace mental structure with statistical learning is not true“. (83)

Eine weitere ungelöste Hypothek des konnektionistischen Ansatzes, dessen Hochburg die UC in San Diego ist, ist die extrem lange überwachte oder auch selbstständige Trainingsphase der künstlichen neuronalen Netze, die in der Regel eine zusätzliche sorgfältige Aufbereitung des Datenmaterials erfordert. Sie steigt angesichts der tatsächlichen, extrem komplexen und anspruchsvollen menschlichen Wahrnehmungs- und Kognitionsleistungen rapide ins Unermessliche.

Dazu kommt die von vorne herein in Form von komplizierten Algorithmen in die neuronalen Netze einzubauende „künstliche“ Intelligenz: „Much of the interesting work has been done in setting up the innate wiring of the network“ (83). Bei der menschlichen Kognition erscheint diese auch hier vorauszusetzende apriorische Intelligenz nur durch genetische, angeborene Strukturen der Wissensrepräsentation und -verarbeitung erklärbar, nicht allein aus aktuellen selbstorganisierenden Prozessen: „Nothing comes out of nothing, and the complexity of the brain has to come from somewhere.“ (75)

Menschliche Erfahrung und Wissen besteht nicht nur in bildlichen Wahrnehmungen (perception) und Vorstellungen (imagery), sondern erfordert kognitive Interpretation und Evaluation in Begriffen. Diese enthalten objektive Merkmale und definitorische Bedeutungen als semantische Essenz (203–204). Sie sind ihrerseits in angeborene intuitive Theorien eingebettet. Begriffe wie Theorien folgen dabei apriorischen Kategorien (Objekt – Relation – Ursache – Wirkung – Zahl, Raum, etc.) und Sprachkompetenzen (210–221): „Imagery couldn't be the key to comprehension“ (216).

Zu (II) und (III): Das zwar nur 750 MB umfassende Genom des Menschen ist dennoch eine vollständige „toolbox of mechanisms to construct the brain“, wobei insbesondere subkortikale Strukturen wie Hippokampus (Gedächtnis und mentale Karten), Amygdala (Emotionen) und Hypothalamus (Triebe) nicht sehr plastisch, sondern von Natur festgelegt sind (89). Die Basisstrukturen des Gehirns schließlich sind genetisch angelegte visuelle, auditorische und haptischetopographische Karten, deren Spezifizierung ebenfalls angeborenen Bahnen folgt. Epigenetische neuronale Plastizität ist also keine „magical protean power“, sondern spielt nur und genau in diesen vorgegebenen apriorischen Rahmen und Mechanismen. Dazu kommen die angeborenen Sensoren (Sinnesorgane) und motorischen Programme (Gehen, Greifen, Sprache etc.), welche ebenfalls kein formloses Rohmaterial sind, sondern exorbitante Ingenieursleistungen darstellen (197–198). Pinker behandelt ferner u.a. angeborene Geschlechtsunterschiede (337–371) und apriorische Normen von Ästhetik und Kunst (400–420).

Pinker führt die Tabuisierung der menschlichen Natur erstrangig auf das „biological concept of human nature“ des Nationalsozialismus zurück (153). Überhaupt liege der Angst vor Ungleichheit aufgrund angeborener Unterschiede die Angst vor Folgen wie Vorurteilen und Diskriminierungen zu Grunde inkl. der Angst vor Rassismus, Sozialdarwinismus und Eugenik, Determinismus und Nihilismus (153–191).

Der Analyse dieser Angst und ihrer Widerlegung als eines denkerischen Kurzschlusses widmet Pinker große Teile des Buches: „Despite its popularity among intellectuals during much of the twentieth century ... the doctrine of the Blank Slate may have done more harm than good“. Man müsse sich der Tatsache stellen, dass etwa der Fortschrittsglaube und die revolutionäre Vision des Kommunismus – so Pinker – genau die kulturrelativistische Tabula Rasa-Ideologie verkörperten, in der die political correctness heute das Heil sucht, also: Es gibt keine dauerhaften Eigenschaften der menschlichen Natur; diese kann völlig vorurteilslos umgeschaffen werden zu einem neuen Menschen; die Gleichheit aller Menschen ist das Ziel (157). Im Namen genau dieser Ideologie der Gleichheit wurden nun aber - so Pinker - im Ostblock 25 Millionen Menschen (im Minimum) ermordet und im maoistischen China 65 Millionen (156).

Sehr informativ ist ein Anhang, der ca. 500 beobachtbare und unmittelbare menschliche Universalien auflistet (435–439).

Thomas Metzinger: Being no One

Thomas metzinger gemeinfrei NetzDas fachübergreifende Forschungsprogramm der Neurowissenschaften umfasst selbstverständlich auch eine Philosophie der Neurowissenschaften. Darüber hinaus wurde aber auch das Vorhaben einer Neurophilosophie entwickelt, welche die Philosophie allgemein und die Geisteswissenschaften überhaupt neurowissenschaftlich rekonstruieren will. Zwei der wichtigsten Vordenker sind einmal Paul Churchland an der Hochburg der PDP-Forschung, der cognitive-science faculty der UC in San Diego und seine Frau Patricia. Grundlegend ist Churchlands A Neurocomputational Perspective: The Nature of Mind and the Structure of Science, Cambridge, Mass. 1989 (paperback 1992) [Dt.: Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, 1997 (paperback 2001)].

Ein weiterer wichtiger Vordenker ist andererseits Thomas Metzinger (Foto oben), Sprecher der Neurophilosophie am Interdisziplinären Forschungszentrum für Neurowissenschaften (IFZN) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und am Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS). Metzingers opus magnum ist Being No One:The Self-Model Theory of Subjectivity, Cambridge, Mass. 2003. Es entstand in Zusammenarbeit mit Paul und Patricia Churchland in San Diego und zielt auf eine Synthese von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften. Churchland auch charakterisierte das äußerst differenzierte Werk geradezu als neurophilosophische Kritik der reinen Vernunft. Den positivistischen, naturwissenschaftlichen Ansatz Churchlands verbindet Metzinger mit den Fragestellungen der traditionellen Philosophie des Geistes (Kant, Husserl u.a.) und einem philosophischen und ethischen Weltbild, das östlichem Denken nahesteht.

Metzingers Hintergrundannahmen sind - ontologisch - ein reduktionistischer Physikalismus und - epistemologisch - ein nichtreduktionistischer Mentalismus. Eine Person als bewusstes Selbst oder Subjekt ist demnach ontologisch ein physikalisches System oder Prozess. Dieser ist jedoch so komplex, dass als epistemisch eigengesetzliche emergente Eigenschaften phänomenales Bewusstein (intentionale consciousness) und psychologisches Bewusstsein (introspektive und reflexive awareness) auftreten. Ersteres wird bei Metzinger durch das phenomenal model of the intentionality relation beschrieben, Letzteres durch das phenomenal self-model.

Grundlegend dazu ist Metzingers Subjekt und Selbstmodell [Paderborn 1993 (2. Aufl. 1999)]. Die Selbstmodelltheorie der Subjektivität besagt: Das „phänomenale Selbst“ ist „ein mentales Modell“ oder ein selbstbezügliches „ repräsentationales Objekt“ oder „internes Konstrukt“ (1993, 283). Wesentliche Elemente der Subjektivität oder des phänomenalen Ich sind: Bewusstsein (unmittelbare Selbstgegebenheit) – phänomenale Erlebnisqualitäten (Qualia) – reflexive Identität (Selbst) – intentionale Perspektivität (zentriertes Bewusstsein des Erlebnisraums). Sie sind irreduzibel subjektiv und daher ist die „Subjektivität als Kernstück einer modernen Theorie des Geistes“ anzusehen (1993, 21). Mit der Materie Vertraute werden unschwer erkennen (und Metzinger macht ausdrücklich darauf aufmerksam), dass hierbei insbesondere Daniel Dennett und Thomas Nagel Pate stehen, unbeschadet ihrer in vielem gegenläufigen Positionen.

Es wurde bereits gesagt: Metzinger verbindet diese nicht-reduktionistische Theorie der Subjektivität mit einer naturalistischen Theorie des Geistes. Die hier zentrale These ist die der Immanenz des Subjekts in der physikalischen Welt als deren psychisches Potential. Das größere Wunder sei nicht eine Präsenz welttranszendenten Geistes im physikalischen Universum, sondern das geistige Potential des physikalischen Universums selbst (1993, 290). Dieses manifestiere sich in der „Aktivierung von [reflexiven] Selbstmodellen und der Öffnung von [perspektivischen] zentrierten Simulationsräumen“ (1993, 290). Die zentrale Forderung der philosophischen Anthropologie und Ethik seit den Vorsokratikern: Erkenne dich selbst! ist heute reformulierbar als Würde und Aufgabe der „internen Selbstmodellierung“ (1993, 290).

Metzingers zentrale Frage in Being No One ist nun [Buchvorstellung]: "How exactly does strong, consciously experienced subjectivity emerge out of objective events in the natural world? His epistemic goal is to determine whether conscious experience, in particular the experience of being someone that results from the emergence of a phenomenal self, can be analyzed on subpersonal levels of description. He also asks if and how our Cartesian intuitions that subjective experiences as such can never be reductively explained are themselves ultimately rooted in the deeper representational structure of our conscious minds."

Nach Metzinger existiert kein 'Selbst' in der Welt. Niemand hatte je oder war ein 'Selbst'. Alles was existiert, sind phänomenale 'Selbste' (phenomenal selves), wie sie in der bewussten Erfahrung erscheinen. Diese sind aber keine Dinge, sondern ein fortlaufender Prozess, dessen Inhalt ein transparentes Selbstmodell ist (transparent self-model). Mit dem Ausdruck transparentes Selbstmodell ist gemeint, dass die mentale Repräsentation des eigenen Selbst in der Erste-Person-Perspektive eine hochstufige Wahrnehmungsillusion ist, die für uns eine scheinbare Evidenz (= Transparenz) hat, d.h. deren Struktur und Entstehung wir nicht durchschauen: "Phenomenal selfhood originates in a lack of attentional, subsymbolic self-knowledge" (Being No One, 632). Metzinger stellt das bewusste phänomenale Selbst also in eine Linie mit der Bewegungsillusion (= induzierte Scheinbewegung in Film und Fernsehen), dem Phantomschmerz (nach Gliederamputationen) und der fiktiven Wahrnehmungsergänzung des Blinden Flecks beider Augen (durch hochstufige Rekonstruktion im ZNS).

Noch grundsätzlicher beruft sich Metzinger darauf, dass neurobiologisch und kognitionspsychologisch tatsächlich die Welt der Wahrnehmung (qualia) und begrifflich strukturierten Erfahrung primär eine virtuelle Realität ist, eine "mental simulation [... of] possible realities, ... internal expectations and hypotheses in a top-down-fashion" (ebd. 49, 51): The Brain "constantly lets its internal autonomous simulational dynamics collide with the ongoing flow of sensory input, vigorously dreaming at the world and thereby generating the content of phenomenal experience" (ebd., 52 und überhaupt 50-104). In derselben Weise sei die Vorstellung des Selbst ein hochstufiges virtuelles Konstrukt.

Ähnliche Gedankengänge zeichnen die buddhistische und überhaupt östliche Philosophie aus wie auch den von dort her inspirierten A. Schopenhauer. Metzinger spricht dies selbst an. (Metzingers Ansatz erinnert überhaupt weithin an Schopenhauers dynamizistischen Monismus; dies noch mehr, wenn eine auch Metzinger nicht fremde pessimistische Sicht hinzu kommt: "Phenomenal experience is not something to be .... glorified [...] one of its strikingly dominant features is suffering and confusion" (Being no One, 622)).

Eine fundamentale Kritik daran findet sich - avant la lettre - in Searles Auseinandersetzung mit der Kernthese der sogenannten starken KW und KI (siehe oben): „The mind is to the brain as the program is to the hardware“. Man muss nur "computer program" durch "phenomenal mental representation and computation" oder "phenomenal model" ersetzen. Das Problem ist logisch dasselbe. Searle teilt nun zwar Metzingers Überzeugung, dass Geist und Kognition ontologisch ein physikalisch-biologischer Prozess sind. Aber: Ist der Geist tatsächlich ein Computerprogramm (= These der starken KI) oder eine Neuronale Informationsverarbeitung (= These Metzingers)?

Antwort Searles: Nein, ein Programm ist per definitionem nur formal und syntaktisch. Der Geist enthält jedoch intrinsische mentale Gehalte (Bedeutungen), und „semantics is not intrinsic to syntax“ wie Searles eigenes berühmtestes Gedankenexperiment mit dem Chinesischen Zimmer (Chinese room) zeigt. Searle wird nicht müde, der KW und KI zu sagen: Intelligenz in Form eines Computerprogramms [oder einer neuronalen mentalen Repräsentation und Informationsverarbeitung] braucht einen intelligenten Beobachter, ein kognitives Subjekt. Und zwar gilt dies nicht nur für die Semantik von Bedeutungen (Lexikon), sondern auch für die Syntax der Kognition (Grammatik). Aus vier Gründen: (a) Objektive Intelligenz (sei es der Maschinenkode des Computers oder die neuronale Repräsentation und Informationsverarbeitung) ist in unterschiedlichen physischen Medien realisierbar (multiple realizability). Sie ist in sich nur die Produktion physikalischer Wirkungen, deren syntaktische Zuordnung und Interpretation „depend on an interpretation from outside“. Syntax ist kein physikalisches Merkmal: „syntax is not intrinsic to physics“. (b) Computer (oder neuronale Netze) benötigen einen intelligenten Benutzer oder Beobachter. Ohne ein kognitives bewusstes Subjekt als Nutzer sind sie unverstandene elektrische (oder neuronale) Schaltkreise und nur potenzielle Denkwerkzeuge. Wenn der Geist ein Computerprogramm (oder neuronale Informationskodierung und -transformation) ist, muss ein bewusster Beobachter / Nutzer im Gehirn („Homunculus“) postuliert werden. (c) Syntax hat keine ursächlichen Kräfte. Das Modell der Kognition qua Programm oder neuronales Netzwerk bietet keine kausale Erklärung der Kognition, sondern nur eine mögliche Simulation der Kognition. (d) Informationsverarbeitung nach Art eines Computers oder neuronalen Netzes hat zur Voraussetzung, dass ein Agent Information in einer syntaktischen Form enkodiert, die von den Schaltkreisen des Rechners / Neuronalen Netzes implementiert und verarbeitet werden kann. Dies in Schritten und mit abstrakten Ausgabesymbolen bzw. neuronalen Kodierungen, die ein Nutzer / Beobachter syntaktisch und semantisch interpretieren muss, da der Rechner oder das neuronale Netzwerk (hardware, Gehirn) keine intrinsische Syntax oder Semantik hat: „It is all in the eye of the beholder“. (Anmerkung: Searle würde unser Argument freilich dahingehend modifizieren, dass er einem Organismus oder biologischen System mit ZNS automatisch den Status eines bewussten Subjektes zuerkennen würde. Aber das ist eine Frage, die uns hier nicht beschäftigt).

Anders ausgedrückt: Auch wenn das Selbst- und Weltbewusstsein auf mentaler Simulation und virtueller Realität beruht, benötigt es bewusste Beobachter und Interpreten. Selbst Illusionen und Träume benötigen Beobachter und Interpreten. Das ist übrigens die genaue Pointe des transzendentalen Idealismus Kants. Stets muss jemand, d.h. ein autobiographisches identisches Ich, die mentale virtuelle Realität erleben oder die Illusion oder den Traum haben. Das ist die Herausforderung. In diesem Sinn sagt Antonio Damasio: "Die Ausbildung einer Erste-Person-Perspektive [= autobiographisches Selbst], von Subjektivität, ist das eigentliche Rätsel des Bewusstseins". Nach Metzinger schauen dagegen letztlich hochstufige neuronale mentale Repräsentationen basale neuronale Repräsentationen an, integrieren und interpretieren sie.

Die fundamentale Rolle echten und nicht nur fiktiven Selbstbewusstseins und zwar auf allen kognitiven Niveaus, vom präreflexiven Selbst bis zu einer begrifflich reflektierten Erste-Person-Perspektive, thematisieren jetzt umfassend zwei fachübergreifende Neuerscheinungen. Einmal mit naturwissenschaftlichem Akzent die Monographie des des Neuropsychologen und Schülers Antonio Damasios, Gerhard Roths und Manfred Franks, Marc Borner: Über präreflexives Selbstbewusstsein. Subpersonale Bedingungen - Empirische Gründe, Paderborn 2016. Zum anderen mit wissenschaftsphilosophischem Akzent Daniel Wehinger: Das präreflexive Selbst. Subjektivität als minimales Selbstbewusstsein, Paderborn 2016.

Ansgar Beckermann: Gehirn, Ich, Freiheit

A. Beckermann [Foto: Universität Bielefeld]Die praktische Seite der Neurophilosophie ist die Neuroethik. Autoren wie Metzinger oder der Neurobiologe Wolf Singer (Frankfurt) und der Neurophilosoph Gerhard Roth (Bremen) bestreiten Willens- und Handlungsfreiheit und sehen das Ende jeder transzendent oder humanistisch begründeten Wertebasis und Ethik. Im Mittelpunkt der gegenwärtigen Diskussion hierzu stehen die sogenannten Libet-Experimente.

Es geht dabei um die Zeitdifferenz von physiologischer und intentionaler Verhaltensaktivierung. Bewusst geplante Bewegung (= Willkürmotorik) basiert auf vorbewusster physiologischer Ressourcenbereitstellung. Das heißt: Auf der motorischen Ausgangs-Seite ist eine analoge vorbewusste Inkubationszeit wie bei der Sensorik für strikt willkürliche, d.h. bewusst intendierte Bewegungen (inklusive der Sprechmotorik in der Vokalisation), nachgewiesen worden. Diese Inkubationszeit bzw. Ressourcenbereitstellung besteht in (1) großflächigen, über die motosensorischen Kontroll- und Exekutivsysteme in Frontal- und Scheitelregion des Gehirns ausgebreiteten, (2) unspezifischen, d.h. mit für jede willkürliche Bewegung weitgehend gleicher räumlicher Verteilung und gleichem Zeitverlauf, (3) langsamen: 0, 8 s statt 1 ms bei normalen Aktionspotentialen, (4) kleinen und elektrisch-negativen Bereitschaftspotentialen: 10–15 Mikrovolt statt etwa 100 Mikrovolt bei normalen Aktionspotentialen. Diese haben die Form von (5) Gleichspannungsverschiebungen: d.h. sie verbleiben im Rahmen des negativen Ruhepotentials der Neuronen und wechseln nicht wie das Aktionspotential von negativ (–75 Millivolt) zu positiv (+30/40 Millivolt), die (6) ca. 0, 8 s vor dem Aktionspotential der schließlich und spezifisch die Bewegung initierenden Motoneuronen des Kortex auftreten (vgl. Birbaumer/Schmidt: Biologische Psychologie, Heidelberg / Berlin / New York 1996, 526).

Hieraus wird von Bestreitern der Handlungs- und Willensfreiheit abgeleitet, dass wir vor der bewussten Entscheidung und Handlung bereits physiologisch dazu determiniert worden sind. Dass dies angesichts der Faktenlage schon und auch vom naturalistischen Standpunkt aus ein logischer Kurzschluss ist, hat vielleicht am Besten Ansgar Beckermann (Foto oben) gezeigt, der langjährige Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie und Experte zur Analytischen Philosophie des Geistes. Folgende Texte bieten in verdichteter Form Beckermanns Argumentation: Neuronale Determiniertheit und Freiheit und Freier Wille - Alles Illusion?

Weiterführend hierzu Beckermann: Gehirn, Ich, Freiheit. Neurowissenschaften und Menschenbild, Paderborn 2008; ders: Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes, Stuttgart 2008; und ders (zus. mit B. P. McLaughlin): The Oxford Handbook of Philosophy of Mind, Oxford 2009, sowie die Seite Ansgar Beckermanns (Universität Bielefeld). Ernstzunehmende Begründungen einer differenzierten Handlungs- und Willensfreiheit von naturalistischen Voraussetzungen aus bieten auch Michael Pauen: Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung, Frankfurt am Main 2005, sowie Bettina Walde: Willensfreiheit und Hirnforschung. Das Freiheitsmodell des epistemischen Libertarismus, Paderborn 2006. Von biologischer und psychologischer Seite bietet Joachim Bauer: Selbststeuerung, München 2015, inzwischen eine bekannte Untersuchung der Libetexperimente. Seine Bilanz: Eine Infragestellung vernünftig verstandener Handlungs- und Willensfreiheit ergibt sich mitnichten. 

Die gegenwärtige Diskussionslage der fachübergreifenden Forschung zu Bedingungen und Faktoren freien Handelns allgemein skizziert diese Verknüpfung:

Patricia Kitcher: Kant's Transcendental Psychology

P. Kitcher Die Arbeiten Patricia Kitchers (Columbia University, Foto rechts), der langjährigen Vorsitzenden der North American Kant Society (NAKS), sind wegweisend für die Evaluation der Kognitionswissenschaft und Philosophie des Geistes im Rahmen der kantischen Vernunftkritik. Ihre wichtigsten Veröffentlichungen sind Kant’s Transcendental Psychology, New York 1990; sodann: Freud’s Dream: A Complete Interdisciplinary Scienceof Mind, Cambridge, Mass. 1992, und “Kant on Self-Consciousness” in der Philosophical Review108 (1999), 345-386. In Vorbereitung ist Kant’s Thinker: „The main thrust of the book is to explain how Kant’s views about the prerequisites for being a cognizer emerged from his distinctive cognitive theory."

Kant’s Transcendental Psychology entwickelt (v.a. 1990, 12–29, 91–116, 141, 181–204) Kants Philosophie des Geistes: „This [= Kant's] model provides a coherent framework [...] Kant’s model has the advantage of providing a principled explanation for the empirical results.“ (1990, 229)

Kitcher kritisiert das in der angelsächsischen Literatur seit Strawson (The Bounds of Sense, London 1966) vorherrschende Verständnis von transzendentaler Einheit der Apperzeption (Kants hier zentraler Begriff, siehe in Folge) als Möglichkeit der Selbstzuschreibung ( self-ascription) unterschiedlicher Erfahrungen oder mentaler Zustände für und durch ein numerisch identisches, „reines Subjekt der Erfahrung“ (Strawson 1966, 167). Strawsons Buch machte bekanntlich Geschichte, da es – via Kant - die Metaphysik (Ontologie) in der Analytischen Philosophie wieder als Basisdisziplin resp. 'Erste Philosophie“ etablierte. Besonders Kants Philosophie des Geistes ist dabei für Strawson „brillant“, „tiefschürfend“, eine „kritische Leistung erster Ordnung“ (1966, 162, vgl. 162–172). Dass Strawsons Kommentar allerdings Kants Gedankengang seinen systemimmanent und systematisch problematischen eigenen Stempel aufdrückt, wurde auch sonst oft angemahnt (z.B. Bennett, J. F.: Kant’s Dialectic, Cambridge 1974).

Strawsons Rekonstruktion geht wie folgt vor: Der Schritt von o.g. abstrakter Selbstzuschreibungsmöglichkeit zur konkreten Selbstzuschreibungsmöglichkeit an das empirische, numerisch identische Subjekt hat als logische Bedingung die Unterscheidung subjektiver autobiographischer Erfahrungsfolgen von einer objektiven Welt oder Raum-Zeit-Ordnung, in der das Subjekt sich einen Weg bahnt (vgl. Kitcher 1990, 92–93). Abzulehnen sei dabei allerdings vollständig die von Kant mit dieser tranzendentalen Logik verflochtene transzendentale Psychologie, insbesondere sei die Synthesistheorie eine „aberration“ (1966, 32, vgl. 93). Diese sucht er durch einen „bypass“ (1966, 96–97) zu überbrücken. Dieser besteht in einer direkten analytischen Verbindung (logisch: einer Bikonditionalität) zwischen transzendentaler Einheit der Apperzeption und einer einheitlichen, objektiven Welt. Erstere wie Letztere ist bei Strawson bereits fertig gegeben. Bei Kant sind beide erst durch das kognitive Subjekt zu erbringende Leistungen.

Der zentrale Unterschied zwischen Kants und Strawsons Ansatz scheint vereinfacht der zu sein (vgl. z.B. 1966, 142, 162, 167): Kant geht vom individuellen empirischen Subjekt als gegeben aus. Sein Ausgangsproblem ist der Subjektivismus und Relativismus. Aufgabe ist somit die kritische Konstitution eines objektiven Weltbewusstseins in Abhängigkeit von Anschauung und Denken des transzendentalen Subjekts. Strawson geht aus von einem objektiven, allgemeinen Weltbewusstsein in Anschauung und Denken als gegeben. Sein Ausgangspunkt ist der Naturalismus und Spinozismus (vgl. 1966, 230–231). Seine Aufgabe ist die kritische Konstitution einer individuellen subjektiven Erfahrung in Abhängigkeit von der objektiven Welt und besonders dem objektiven Körper (biographisches, empirisches Selbstbewusstsein).

Führende amerikanische Kantforscher wie Wilkerson (Kant’s Critique of Pure Reason, Oxford 1976) und mit Einschränkungen Allison (Kant’s Transcendental Idealism, New Haven 1983 [2. Aufl. 2004]) entwickelten diese logische oder formale Interpretation der transzendentalen Einheit der Apperzeption weiter im Sinne eines ultimativen Ausgangspunktes für antiskeptische transzendentale Argumente. Sie rekonstruieren Kants synthetisch-apriorische Kategorien (transzendentale Logik) als notwendige logische Bedingungen möglicher Erfahrung. Kitcher hält dagegen, dass diese Interpretation zu kurz greift, Kant nicht gerecht wird und auch in sich problematisch bleibt, da die Voraussetzung eines in der Zeit identischen Erfahrungssubjekts nicht evident ist (1990, 26–29). Zudem war Kant Humes berühmte Leugnung der mentalen Einheit direkt und indirekt (über Tetens) bekannt (1990, 95).

Kitcher macht plausibel, dass Kants Lehrstück der transzendentalen Einheit der Apperzeption auch und genau eine Antwort auf dieses Problem bzw. diesen Skeptizismus Humes hinsichtlich der personalen Identität ist: Mentale bewusste synthetische Einheit der Apperzeption im Fluss der Eindrücke und Erfahrungen muss durch aktive Synthesis und deren Einheit produziert werden (1990, 95–116).

Hume hatte gegen Descartes’ Ausgang von der Evidenz des Cogito bekanntlich eingewandt, dass die Substantialität der Seele als simultane Einfachheit und sukzessive Identität des Geistes keinesfalls logisch evident sei, sondern lediglich eine instinktive natürliche Neigung und Vorstellung, ein Gefühl der Einheit. Logisch sei der Geist nur ein schnell wechselnder Strom von mentalen Wahrnehmungshaufen und Empfindungsbündeln, die durch Ähnlichkeit, Koexistenz und regelmäßige Sukzession verbunden werden.

Kant macht hier deutlich, dass erstens – subjektiv – die so zustandekommende empirische Einheit der Apperzeption gerade keine numerische Identität erzeugen kann, sodass Humes Ansatz sich als inkonsistent erweist (1990, 102, vgl. KrV A 107/B134, A 117). Und dass zweitens – objektiv – isolierte Empfindungen oder Impressionen im humeschen Sinn (ohne reale Verbindungen) nichts repräsentieren können. Kognitive Zustände sind aber repräsentational. Ihren Charakter als mentale Repräsentationen erhalten sie jedoch nur durch die reale Relationen begründende synthetische Aktivität eines identischen Subjekts (1990, 114–115). Kants Theorie der mentalen Einheit oder personalen Identität geht somit im unmittelbaren Zugriff von der Fähigkeit zur Kognition (Synthesis, Einheit der Apperzeption) aus, und nicht wie andere Erklärungsversuche von einem körperlichen, moralischen oder juristischen Ansatz (1990, 120).

Kant hat m.a.W. die erstrangige Bedeutung der sensorischen und kognitiven Synthesisleistungen des kognitiven Subjektes thematisiert und demonstriert. Dazu zählen die intermodale und supramodale sensorische Konvergenz (binding); die topologische Konvergenz und zeitliche Synchronisation der Daten; die durch multidimensionale Interaktion zu leistende Wahrnehmungskonstanz; die zeitliche (chunks) und räumliche (patterns) Enkodierung auf drei Verarbeitungstiefen: Gestalt (Bild) – Struktur (Schema) – Bedeutung (Begriff).

Gerade die Zeitsynthesis (vgl. Kants Zeit-Schematismus) ist grundlegend. Kants Analysen und die realwissenschaftliche Forschung decken sich hier noch mehr als sonst: Geordnete Erfahrung ist eine Funktion der Zeitordnung oder zeitlichen Organisation der Kognition, und diese wiederum eine Funktion der spontanen grammatisch-syntaktischen Aktivität (effort) des Bewusstseins (= Arbeitsgedächtnis) im Urteil. Zeitliche Kontiguität (Zeitordnung bzw. Zeitsynthesis) ist das Grundprinzip der Erfahrung und Kognition.

Im Fazit sind Herstellung der Synthesis und Identifizierung der Bedeutung die beiden zentralen Funktionen des kognitiven Subjektes. Kant fasst sie unter dem Begriff der (erststufigen und höherstufigen) syntaktischen (= Synthesis) und semantischen (= Bedeutung) objektiven Einheit der Apperzeption. Erststufig meint die Objektkonstitution, höherstufig bezieht sich auf die Erfahrungskonstitution (Zusammenhang der konstituierten Objekte in einer objektiven Raum-Zeit-Ordnung). Die berühmte transzendentale Deduktion dient dem Aufweis der realen Geltung der beiden Funktionen: Wahrnehmungsorganisation (Synthesis der Apprehension) korreliert mit begrifflicher Interpretation und Klassifikation (Synthesis der Apperzeption) aufgrund der Synergie von dominanter konzeptgeleiteter und untergeordneter datengesteuerter Informationsverarbeitung.

Dasselbe Ergebnis lässt sich auch neurobiologisch gewinnen: Der polymodale und supramodale Assoziationskortex (begriffliche Semantik) und die exakte Zeitordnung des präfrontalen Assoziationskortex (transzendentale Syntax) sind die spezifisch menschlichen Kompetenzen, die mit dem spezifisch menschlichen Symbolsystem Sprache korrelieren (semantisches Lexikon und syntaktische Grammatik).

Eine vollständigere systematische Einordnung dieser Sachverhalte finden Sie in meiner Liste von Elementen und Prozessen der Kognition in der Kognitionsforschung der Gegenwart - im Vergleich mit dem kantischen Modell des Geistes und der Kognition (Vgl. auch das Untermenu zur Ontologie).

Träger der Synthesisleistungen ist das kognitive Subjekt. Kants nennt es transzendentales Subjekt Ich oder transzendentales Selbstbewusstsein resp. ursprüngliche analytische Einheit der Apperzeption . Das transzendentale Subjekt wird von Kant näher präzisiert als: kognitives Selbstbewusstsein – kognitives Begleitbewusstsein – nichtempirisches Begleitbewusstsein – unbestimmt identisches Begleitbewusstsein – Bedingung des bestimmt identischen Gegenstandsbewusstseins – unmittelbar abhängig von der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption – mittelbar abhängig von sensorischen Daten und Anschauung.

Ontologische Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Theorie des transzendentalen Subjekts stehen im Horizont der transzendentalen Dialektik, näherhin im Horizont der Kritik Kants an der rationalen Psychologie der neuzeitlichen Schulmetaphysik. Kant begrenzt die beweisbare theoretische Erkenntnis des Geistes auf die kognitive Funktionalität i.w.S. In diesem funktionalistischen Rahmen ist jedoch die komplementäre kantische Behauptung einer auf der „Analysis des Bewußtseins“ gründenden Minimalontologie des Geistes festzuhalten. Nach KrV B 407–409 umfasst diese die Aussagen: Das denkende Ich ist Subjekt – Das Ich der Apperzeption ist ein logisch einfaches Subjekt – Das Ich ist ein identisches Ich – Das Ich als denkendes Wesen ist von der Welt und vom Körper unterschieden – Das denkende Ich als kognitives Subjekt ist das Existenzbewusstsein der Seele an sich, ihres transzendenten Wesens als Noumenon.

Kitcher konfrontiert die kantische Theorie mit traditionellen und modernen Theorien zur mentalen Identität. Die heute vorherrschende Theorie ist der Mentalismus (Paul Grice, John Perry, Sidney Shoemaker, David Lewis u.a.). Er geht davon aus, dass die Einheitsrelation des Geistes eine kombinierte Kontinuität von Gedächtnis, Überzeugung und Streben ist, deren Zusammenhang funktionalistisch (im Sinne kausaler Relationen) verstanden wird (1990, 128–129). Kitcher kritisiert trotz der großen Gemeinsamkeit mit Kant daran, dass die moderne Diskussion deskriptive Klassifikationen des Sprachgebrauchs „selbe Person“ gibt, aber keine genetische Erklärung der Person-Identität aus kognitiven Kompetenzen, die moralisches Handeln ermöglichen, was Kant unternehme (1990, 130).

Vgl. für eine ausführlichere Darstellung und Erörterung von Kants - und Kitchers - Argumentation mein Systematischer Kommentar zur Kritik der reinen Vernunft , Berlin/New York 2003, Kap. 1: Transzendentales Subjekt (30-42) und Kap. 25: Transzendentale Dialektik – Disziplin und Ontologie des intentionalen Vernunftgebrauchs in der Philosophie des Geistes (471-502).

Jaegwon Kim: Physicalism, Or Something Near Enough

Jaegwon Kim ist einer der maßgeblichen Vordenker der Analytischen Philosophie des Geistes. In Bezug auf die ontologischen Verpflichtungen oder metaphysischen Voraussetzungen der Philosophie des Geistes ist Kim wahrscheinlich der international einflussreichste Denker. Kims ausführlichste und aktuellste Darstellung dieser Zusammenhänge ist sein Physicalism, or Something Near Enough (Princeton / Oxford, 3. Aufl. 2008 [1. Aufl. 2005]). Der Titel meint, dass nach wie vor der Physikalismus grosso modo als metaphysische Standardtheorie gelten sollte, aber eben nur grosso modo oder wie Kim sagt: „something near enough“. Denn Kim öffnet sich in dieser jüngsten Veröffentlichung den Argumenten von mindestens epistemischen Mentalisten wie David Chalmers, Thomas Nagel und John Searle. Er übernimmt deren These, dass die bewusste phänomenale Ebene der Erlebniswelt qualitativer Sinnesempfindungen oder Erlebnisqualitäten (= Qualia wie Azurblau, Erdbeergeschmack, Sandelholzduft, Schmerz) weder auf die physikalische oder neurowissenschaftliche Ebene reduzierbar ist, noch auf die funktionalistische Ebene objektiven Geistes (Information), sondern eine eigene ursprüngliche Realität darstellt . Nach wie vor ist Kim jedoch der Meinung, dass die kausal-funktionalistische Ebene der mentalen Informationsrepräsentation und -verarbeitung auf die physikalische Ebene reduzierbar ist.

Zu der in Rede stehenden Monographie bzw. zu deren zentraler Argumentation macht Kim die Anmerkung, dass er „first presented this argument in an explicit form in „‘Downward causation‘ in Emergentism and Nonreductive Physicalism“, in Emergence or Reduction?, ed. Ansgar Beckermann, Hans Flohr, and Jaegwon Kim (Berlin: De Gruyter, 1992)” und dass in seinem neuen Buch „this argument will be discussed in greater detail ..., including responses to some objections and criticisms that have been raised against it” (Physicalism, or Something Near Enough, Princeton / Oxford 2008, 19). Das einführende Kapitel 1 des Buches hat denn auch genau zum Thema: „Mental Causation and Consciousness. Our [= the physicalists] two Mind-Body-Problems“.

Kim nennt darin das Leib-Seele-Problem in Anlehnung an Schopenhauer „a Weltknoten, an intractable and perhaps ultimately insoluble puzzle“ (2008, 7). Näherhin seien die in Rede stehenden beiden Probleme „the two world-knots“ (2008, 29), „two problems … intertwined, and that … make each other insoluble“ (2008, 13) und welche „turn out to share an interlocking fate“ (2008, 29).“ Im Fazit „these together represent the most profound challenge to physicalism“ (2008, 31). Hier die beiden Probleme in ausführlicherer Formulierung:

Problem Nr 1 – Mentale Verursachung: „How can the mind exert its causal powers in a world that is fundamentally physical?“

Problem Nr. 2 – Bewusstsein: „How can there be such a thing as consciousness in a physical world, a world consisting ultimately of nothing but bits of matter distributed over space-time behaving in accordance with physical law?“ (2008, 7)

Das grundlegende Papier von 1992 ist daher einmal als inzwischen klassischer Text historisch bedeutsam. Es ist aber auch in systematischer Hinsicht bedeutsam, insofern das Papier in sehr konzentrierter Dichte, und in, wie mir scheint, für den Einstieg in die Materie übersichtlicherer Form als in dem späteren Buch das entscheidende Argument formuliert.

Die folgende Ausarbeitung diskutiert Kims Aufsatz von 1992 und stellt denselben vor. Zugleich wird die weitere Entfaltung des Papiers in dem Buch von 2005 vollständig dokumentiert und die dortige Argumentation teils parallel, teils eigenständig mit erörtert. Die Abschnitte 5 bis 8 behandeln schließlich den fachübergreifenden Kontext und aktuellen Forschungsstand zu Kims Themen, wobei Kims Physikalismus - auch in der neuen modifizierten Form - als von Inkonsistenz bedrohte Position ins Relief tritt: