Dr. phil. Paul Natterer

Vorbemerkung zur Rhetorik

Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts habe ich in verschiedenen Führungspositionen öffentliche Debatten im weltanschaulichen und gesellschaftspolitischen Bereich mitgestaltet. Sie standen im Zusammenhang der heftigen Auseinandersetzungen nach der 68er Revolution – in Religion und Gesellschaft – zwischen Konservativen und Traditionalisten einerseits und Reformern und Progressisten andererseits. Dieses Engagement beinhaltete nicht zuletzt zahlreiche Reden, Vorträge und Diskussionen in unterschiedlichsten Situationen einschließlich zahlreicher Großveranstaltungen. Dazu Presse-, Rundfunk- und Fernsehbeiträge. Die jahrzehntelange Praxis im Überzeugen und Führen durch das öffentliche Wort wie auch in Lehre und Publizistik zeigte mir die sachliche wie emotionale Intelligenz und Realitätsdichte der klassischen Rhetorik. Sie erlebt gegenwärtig – nach 200 Jahren Dornröschenschlafs – eine beeindruckende Wiederauferstehung, und zwar sowohl in den Wissenschaften wie in der Lebenswelt, in Geschäftsleben und Politik. Dieses Menu will dazu beitragen, sie vollends wachzuküssen.

Ursprünge der Rhetorik: Sophistik

Die Rhetorik als Lehre (Theorie) und Kunst (Technik) des öffentlichen Sprechens entstand im 5. Jh. v. C. in der damals bedeutendsten Weltmetropole Syrakus auf Sizilien. Syrakus als „größte und schönste aller griechischen Städte“ (Cicero) des Altertums war auch ansonsten in Bildung und Wissenschaft bahnbrechend – u.a. als Wirkungsort der bis heute klassischen Lyriker Pindar, Bachilides und Simonides, des Begründers der Dramendichtung Aischylos, des Philosophen Platon, des Mathematikers Archimedes. Rhetorik ist Abkürzung für das griechische "rhetorikê“ ("téchne“) = die Rede-Kunst. Diese Kunst des Redens wurde zum Ziel und Hauptgegenstand der Erziehung und zum Bildungsideal der zivilisierten Welt -  und in der Sophistik zum verbreiteten Wissenschaftsprogramm, das bald das Zentrum der griechischen Zivilisation, Athen, im Sturm eroberte.

Demosthenes [WikiCommons]Wichtige Vertreter waren Gorgias von Leontini (485—380 v. C.), der die rhetorischen Stilmittel systematisch untersuchte sowie Protagoras von Abdera (480—410 v. C.). In Athen waren führend und erlangten später kanonische Geltung Lysias (445—380 v. C.), Isokrates (436—338 v. C.) und Demosthenes (384—322 v. C.). Anaximenes von Lampsakos legte 340 v. C. eine erste Gesamtdarstellung der Rhetorik vor. [Skulptur rechts: Der neben Perikles größte attische Redner Demosthenes. Er war 346—324 v.C. der bedeutendste Staatsmann Athens als Vordenker und -kämpfer eines militärisch-politischen Bündnisses der freien griechischen Staaten gegen den Vormachtanspruch des makedonischen Königs Philipp II. und seines Sohnes Alexander des Großen]

Anaximenes unterschied bereits die klassischen drei Redegattungen. Also die beratende, politische Rede [génos symbouleutikón / genus deliberativum], die entweder in Anratung und Anempfehlung (suasio) oder in Abratung und Verwerfung (dissuasio) besteht. In diesen Reden handelt es sich um den Nutzen und die Würde / Ehre / Sittlichkeit (utilitas und honestas). Dann die  Gerichtsrede [génos dikanikón / genus iudiciale], die entweder Privatstreitigkeiten (díkai, iudicia privata) oder öffentliche Anklagen (graphaí / iudicia publica) betrifft. In beiden findet Anklage und Verteidigung statt, und in beiden handelt es sich um formales Recht und übergeordnete Billigkeit. Schließlich die  Lob- und Festrede, v.a. bei Totengedenken [génos epideiktikón / genus demonstrativum]. In solchen Reden handelt es sich um Würde und Ehre (honestas). Andererseits bot Anaximes auch schon die wesentlichen Redeteile (mére ton lógon / partes orationis): Einleitung (proemium) – Sachverhaltsschilderung (narratio) – Beweisführung (probatio) – Schlusswort (peroratio).

In Athen entstand auch, ausgehend von Sokrates (470—399 v. C.) und Platon (428—348 v. C.), die Philosophie als erzieherischer und intellektueller Gegenentwurf gegen die Rhetorik und Sophistik. Die Philosophie beanspruchte aber auch, Grundlagen und Mittel echter und überzeugender Rhetorik zu vermitteln.

Platons Behandlung der Rhetorik

Der Dialog Gorgias

Platon und mit ihm die Philosophie setzt sich in zwei Schriften mit der Rhetorik auseinander: in den Dialogen Gorgias und Phaidros. Sie finden die Rhetorik als Bildungs- und Lebensziel der Zeit vor. Sie ist geradezu deren Idol und versteht sich als Einheit von Denken und Sprechen, d. h. von Philosophie und Rhetorik. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Redetechnik. Sokrates und Platon verstehen im Grunde ihre Philosophie auch als Einheit von Denken und Sprechen. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Philosophie, dem richtigen Denken und Handeln: Philosophie und besonders Ethik ist Lebensorientierung und Bedingung echter Rhetorik.

Periles [WikiCommons]Nach Platon ist Beweggrund und Ziel der echten Rhetorik das Geltendmachen der verpflichtenden Macht und Bedeutung sittlicher Ideen und der sittlichen Bestimmung des Menschen. Die Anerkennung der ethischen Grundwahrheiten ist der Weg zu einem glücklichen Leben in Gemeinschaft mit den anderen Bürgern im Staat. Der Dialog Gorgias gilt andererseits aber auch als Spitzenleistung in Sachen Rhetorik und fesselnder dramatischer Gesprächsführung voller Esprit und Stil. Aristoteles erzählt, dass ein korinthischer Landbesitzer durch dessen Lektüre so gepackt und überzeugt wurde, dass er seinen Hof verließ und um Aufnahme in die platonische Akademie bat (Bekker: 1484 b15).

Diese echte Rhetorik ist – so Sokrates / Platon im Gorgias – nicht massentauglich. Die Gruppe der Philosophen steht deswegen bis auf weiteres im staatlichen Leben grundsätzlich abseits. Sie ist aber dennoch das Herz oder die Lebensmitte des Staates, als Salz und Sauerteig des Ganzen. Allerdings hält Platon nach entsprechender philosophischer und ethischer Vorbereitung politischen und rhetorischen Einsatz für durchaus möglich und richtig. Diese Voraussetzungen sieht er aber im Phaidros noch nirgends gegeben. Auch der große athenische Staatsmann, Stratege, Sozial- und Kulturpolitiker sowie Musiktheoretiker Perikles (490—429 v. C.), der Führer der athenischen Demokratie durch das öffentliche Wort, gilt Platon nicht als Gegenbeispiel. Dies trotz der großen Nähe Perikles' zur Philosophie, was ihm vor Gericht aufgrund ähnlicher Anklagepunkte fast dasselbe Schicksal wie Sokrates beschert hätte. [Skulptur oben: Perikles, Vater und Förderer der kulturellen und wissenschaftlichen Vorrangstellung Athens]

Wie später Cicero und an anderen Stellen Plato selbst sah dies Thykidides, der große alte Mann exakter Geschichtsforschung, anders. Er bestätigt diesem öffentlichen Sprecher par excellence, "dass er, mächtig durch sein Ansehen und seine Einsicht und in Geldangelegenheiten tadellos unbestechlich, die Masse in Freiheit bändigte, selber führend, nicht von ihr geführt, weil er nicht, um mit unsachlichen Mitteln die Führung zu erwerben, ihr zu Gefallen redete, sondern genug Ansehen hatte, ihr auch im Zorn zu widersprechen. Sooft er mindestens bemerkte, dass sie zur Unzeit sich in leichtfertiger Zuversicht überhoben, traf er sie mit seiner Rede so, dass sie vorsichtig wurden, und aus unbegründeter Furcht hob er sie wiederum auf und machte ihnen Mut.“

Wessen Erziehung und Bildung in der kulturellen Überlieferung des alt- oder neutestamentlichen Israel erfolgte, wird bei der Lektüre des Gorgias oft ein Déjà-vu-Erlebnis haben: Geist und Stimmung sowie nicht selten der Wortlaut des Dialoges erinnern überraschend an Reden der Propheten oder Evangelien. So auch der im Gorgias immer wieder vorgetragene und begründete Grundsatz: Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun.

Im Einzelnen stellt Platon im Gorgias diese Thesen auf:

Rhetorik und Philosophie sind im Wettbewerb stehende und unvereinbare Bildungsprogramme und Lebensziele.

Das Selbstverständnis der Rhetorik ist das einer Überzeugungs- und Überredungstechnik, wobei die bestehende Rhetorik gewissenlose Zungenfertigkeit ist.

Gewinnbringende Rhetorik hat die mutige Einsicht in den Vorrang der Gerechtigkeit (Ethik) vor dem Genuss (Wohlleben) zur Grundlage – im privaten wie öffentlichen Bereich.

Der Einsatz für Gerechtigkeit sollte in Gelassenheit und Vertrauen auf eine transzendente Vorsehung erfolgen.

Öffentliche Sprecher und Menschen in Führungspositionen sollten von einer transzendenten Rechenschaftsablegung über ihr Sprechen und Leben ausgehen.

Nur und genau Bildung und sittliche Hochwertigkeit befähigen zur Führung durch das Wort.

Hier eine ausführlichere Vorstellung der platonischen Rhetorik im Dialog Gorgias:

Der Dialog Phaidros

Der Dialog Phaidros aus etwa dem Jahre 370 v. C. legt das Programm der platonischen Rhetorik dar, und zwar an drei Reden zu dem allgemein Aufmerksamkeit findenden Thema von Liebe und Schönheit. Hier die Grundsätze Platons zur Rhetorik im Dialog Phaidros:

Parallele von psychopathischer und echter Liebe und psychopathischer und echter Rhetorik.

Überzeugendes öffentliches Reden hat wie echte erotische Liebe Inspiriertheit durch das Göttliche zur Voraussetzung.

Inspiration erfordert ein Wissen um das geistige Subjekt (Psyche) und das geistige Objekt (Idee).

Erfolgreiche Rhetorik benötigt philosophische Bildung.

Überzeugende Rhetorik ist aufgeklärte und verantwortungsbewusste Psychagogie oder Seelenleitung.

Gewinnende Rhetorik erfordert Begabung, Technikbeherrschung und Erfahrung.

Gelingende Rhetorik ist Zeugung inspirierten Geistes und und lebendige Weitergabe begründeten Wissens.

Eine Zusammenfassung der Argumentation des Phaidros finden Sie in dieser Datei:

Die Rhetorik des Aristoteles

Die aristotelische Rhetorik ist im Grunde die Ausführung der drei Forderungen Platons im Phaidros an echte Rhetorik:
(I) Einbeziehung und Zugrundelegung der Dialektik qua wissenschaftlicher Methode und Beweistechnik auf der theoretischen und ethischen Sachebene = Buch I der aristotelischen Rhetorik; (II) Einbeziehung und Zugrundelegung der Psychologie qua wissenschaftlicher Methode der Menschenkenntnis und Kommunikation auf der Kontakt- und Emotionsebene = Buch II der aristotelischen Rhetorik; (III) Einbeziehung und Zugrundelegung der rhetorischen Technik qua wissenschaftlicher Methode der Form der Rede als gestaltetes (Stil) und gegliedertes (Aufbau) organisches Ganzes = Buch III der aristotelischen Rhetorik.

Die Rhetorik des Aristoteles (384—322 v. C.) unterschied und untersuchte drei Mittel der Überredung: Charakter des Redenden (ethos) – Emotionen der Zuhörer (pathê) – Sachargumentation (logos). Die weiteren Schwerpunkte der aristotelischen Theorie der Rhetorik sind die Formulierungskunst oder Stil-Lehre (lexis, elocutio) und der Aufbau oder die Ordnung des Stoffes (taxis, dispositio). Aristoteles bietet auch die umfassendste und folgerichtigste Theorie der sog. Gemeinplätze (topoi, loci communes). Dies sind allgemeine Kriterien und Argumentationsschemata, welche nicht einzelne und besondere Gegenstände, sondern die Gattungen der Dinge und Vorgänge umfassen. Sie sind eine wichtige Quelle für Beweisstrategien und man nannte sie daher Fundstätten der Beweise (thesauri argumentorum).

Die Rhetorik des Aristoteles ist nach Umfang und Tiefgang ein wahrscheinlich unerreichter Klassiker der Materie, sowohl was die logische Analyse [Sachebene] als auch was die psychologische Analyse [Emotionsebene] und die ethische Analyse [Kontaktebene] angeht. Bei ihm ist eigentlich schon alles vorgedacht. Mit dem Stoff Vertraute erkennen unschwer, dass der zweite ganz große Klassiker der Rhetorik, Ciceros de oratore, eine meist mittelbare Rezeption und schöpferische Aneignung der Vorlage der aristotelischen Tradition ist. Cicero macht selbst kein Hehl daraus und wiederholt öfter seine besondere Wertschätzung des Aristoteles und von dessen Rhetoriktheorie. Hier die wichtigsten Grundsätze des Aristoteles zur Redelehre und -technik:

Rhetorik ist eine Entwicklung und Verbindung von Dialektik und Psychologie (Rhet. I.2, 1356a25f.) und hat die Ethik zur notwendigen Ergänzung.

Aufgabe der Rhetorik ist die „Untersuchung dessen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist“ (Rhet. I.1, 14, 1355b).

Rhetorik ist nicht nur wie die Dialektik logische Sachargumentation, sondern auch eine Sache der Glaubwürdigkeit des Sprechers und der emotionalen Einstellung der Zuhörer.

Rhetorik ist systematische Beherrschung der Logik des wirklichen Lebens, welche ebenso eine Logik des Herzens und eine Logik des Handelns wie eine Logik des Verstandes ist.

Die Rede kann somit (i) durch die sachliche Begründung oder Beweisführung überzeugen, (ii) durch die persönliche Glaubwürdigkeit des Sprechers, (iiI) durch das Ansprechen oder die Lenkung der Gefühle des Publikums.

Überzeugen durch das Wort beinhaltet mithin die Beherrschung dreier kommunikativer Faktoren: Sachebene – Kontaktebene – Emotionsebene.

Emotionsebene und Kontaktebene dürfen die vernunftorientierte Sachebene nicht verdrängen oder zudecken.

Auf der Kontaktebene muss der Sprecher durch seinen Charakter, seine Persönlichkeit, seine Glaubwürdigkeit überzeugen.

Die erfolgreiche Meisterung der Emotionsebene hat zur Voraussetzung das Wissen um die Definition, die Ursachen und Wirkungsweisen der einschlägigen Gefühle.

Die Handhabung der Sachebene besteht in zwei Typen der Argumentation: Induktionen [Ableitung des Allgemeinen aus dem Besonderen] und Deduktionen [Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen].

Der induktive rhetorische Schluss oder Beweistyp ist das Beispiel (Paradeigma, exemplum) (Rhet. I.2, 1357b25ff.)

Der deduktive rhetorische Schluss ist das Enthymem (lateinisch: argumentum). Es handelt sich dabei um eine Behauptung [These] mit einer Begründung [Argument] aus allgemein akzeptierten oder hoch wahrscheinlichen Prämissen [in heutiger Terminologie: ein deduktives Argument]: „Ich nenne aber das Enthymem einen rhetorischen Syllogismus und das Beispiel (paradeigma) eine rhetorische Induktion“ (Rhet. I.2, 8; 1356b).

Wie in der Dialektik sind in der Rhetorik allgemeingültige Argumentationsmuster wichtig. Sie heißen topos und sind ein allgemeines Analyse- und Beweisschema, in das konkrete Fakten und Argumente als dessen Instanzen eingesetzt werden können.

Esprit und Eleganz des Sprechens werden erzeugt durch „die drei Aspekte: metaphorischer, antithetischer und lebendiger Ausdruck“ (Rhet. III.9, 6, 1410b): Bei der Wortwahl ist die überraschende Metapher das Wichtigste; bei den Wortverbindungen die geistvolle Antithese; bei der gedanklichen Aufbereitung die anschauliche Belebtheit.

Eine weiterführende Übersicht zur aristotelischen Rhetorik finden Interessierte auf dieser Verknüpfung:

Hellenismus: Systematisierung der Rhetorik

Stilqualitäten und Stilarten

Theophrastos [WikiCommons]Von dem wichtigsten Schüler und Nachfolger des Aristoteles in der Leitung der von diesem gegründeten Hochschule des Peripatos, Theophrastos (371—287 v. C.) stammen weitere Lehrstücke der Rhetorik, so die Unterscheidung von vier Stilqualitäten: sprachliche KorrektheitKlarheitAngemessenheitSchönheit. Theophrastos kann dabei auf die Vorarbeit von Gorgias und Isokrates zurückgreifen. [Bild links: Theophrastos]

Zur letztgenannten Qualität zählt auch und besonders der Einsatz von Gedankenfiguren und Sprachfiguren (Tropen), welche eine motivierende, fesselnde Form des Sprechens ermöglichen, die Aufmerksamkeit weckt und der Ermüdung der Hörer durch Länge, Unanschaulichkeit und Gleichförmigkeit vorbeugt. Im Einzelnen sind dies z.B. einprägsame Wiederholungen, Rhythmen und Reime, dramatische, spannungserzeugende oder witzige Gedankenführung, Veranschaulichungen (Visualisierungen, plastische Beschreibungen), Bilder (Metaphern und Analogien) und Beispiele.

Auch die drei Stilarten (genera elocutionis) gehen auf Theophrastos zurück: hoher Stil (sublime) – mittlerer Stil (medium) – schlichter Stil (subtile). Da die aristotelische Hochschule in Athen zur Zeit des Theophrastos bis zu 2000 Schüler zählte, war der Einfluss des Aristoteles und des Theophrastos auf die Theorie der Rhetorik stark. Dass beide auch in der Sache die besten Theoretiker der Rhetorik und Dialektik waren, bestätigt ihnen kein Geringerer als Cicero (de oratore).

Selbst in der ursprünglich rhetorik-kritischen platonischen Akademie wurde später durch deren Rektoren Karneades (214—129 v. C.) und Philon von Larissa (160—80 v. C.), dem Lehrer Ciceros, die Rhetorik gleichberechtigt neben der Philosophie aufgenommen und gelehrt.

In der hellenistischen Schulrhetorik kam als letztes großes Thema der Redekunst die Behandlung der fünf Aufgaben (Erga, officia) des Redners hinzu: (1) Stoffauffindung – (2) Stoffgliederung – (3) Sprachliche Formung – (4) Gedächtnistechnik – (5) Vortrag.

Stoffauffindung: Heuresis

Stoff-Findung (heuresis, inventio) meint die Themen- bzw. Fallanalyse und das Sammeln und Sortieren der Argumente am Leitfaden der Kategorien der Topik (koinoi topoi / loci communes). Dazu gehört auch die stasis- oder status-Lehre, welche der Bestimmung des Themas und des Vorgehens gewidmet ist (constitutio causae). Der Sprecher oder Redner muss nämlich entscheiden, ob sein Thema grundsätzlicher und allgemeiner Natur ist (= Thesen: theseis / quaestiones infinitae oder consultationes) oder – wie in der Mehrzahl der Fälle – konkrete Fragen zu Personen und Situationen behandelt (= Hypothesen: hypotheseis / quaestiones finitae oder causae). Die Rhetoriker behandeln dabei den Stoff schwerpunktmäßig im Blick auf die juristische oder Gerichtsrede: einmal wegen der praktischen Bedeutung dieses Anwendungsbereichs; zum anderen weil die hier erforderliche Genauigkeit und erfolgsorientierte Zielbewusstheit Modell stehen für die anderen Anwendungen der Rhetorik.

Bei den Thesen wird ein Gegenstand im Allgemeinen, ohne Rücksicht auf bestimmte Personen und Zeiten, erörtert. Gründlichere Rhetoriker wie Cicero betonen jedoch, dass jeder Einzelfall eine grundsätzliche Frage oder Problematik enthält (Or II, 133-134) und deswegen unter Rückgang auf die allgemeinen Prinzipien gelöst werden sollte und nicht durch bloße Kasuistik.
Einzelfälle sind durch sieben Umstände bestimmbar: Person – Handlung – Zeit – Ort – Motiv – Art und Weise – Hilfsmittel. Der zur Klärung anstehende Fall muss vom Redner aus dem lebendigen und bunten Geflecht der Lebenswelt erstens herauspräpariert, d.h. abstrahiert und strukturiert werden; zweitens muss er ihn kategorisieren, ihn unter die zutreffenden rechtlichen, sittlichen oder politischen Kategorien (status) bringen. Eine erste Gruppe von Fällen kann bereits in dieser Phase als gegenstandslos ausgeschieden werden, weil sie kein Problem oder ein unlösbares Problem darstellen. Die antike Rhetorik nennt eine solche Sachlage ein Asystaton, d.h. etwas Unzusammenhängendes. Man rechnete dazu vier Erscheinungen: wesentlicher Mangel (z.B. kein Rechtstitel) – paritätische Rechtslageeindeutige Fälleunauflöslicher Widerspruch.

Bei den Hypothesen muss der Sprecher dabei weiter entscheiden, ob es sich bei seinem Thema um eine Beweisführung unter Berufung auf Autoritäten bzw. den Rechtsweg handelt, er also auf der Ebene anerkannter Meinungen und gesetzten Rechtes (Gesetz) argumentieren muss. Dies wäre dann der Bereich der Gesetzes- und Vertragsauslegung (genus legale). Hier handelt es sich um Fragen (quaestiones), die sich aus der Anwendung einer Norm auf konkrete Sachverhalte ergeben. Die andere, zweite Möglichkeit der Beweisführung ist für den Sprecher der Weg der Vernunftargumentation (Logik) (genus rationale).

Bei der Argumentation vom Gesetz her muss er sich darüber ins Klare kommen, ob der Streitpunkt darin besteht, dass (a) ein Missverhältnis zwischen dem Buchstaben (scriptum, Wortlaut) des Gesetzesund seinem Sinn (sententia, Absicht, Geist des Gesetzes) besteht und daher die Billigkeit (aequitas) als über dem Recht (ius) stehendes Prinzip in Geltung tritt. Die Absicht oder der Geist des Gesetzes kann dabei entweder extensiver oder restriktiver als der Wortlaut gefasst werden. Oder dass (b) eine Antinomie (leges contrariae) vorliegt, also ein Widerspruch zweier Gesetze. Oder aber (c) eine Amphibolie (ambiguitas), also eine Zweideutigkeit eines Gesetzes, welche unterschiedliche Auslegungen zulässt. Diese kann auf der Ebene der Wortbedeutung liegen, also semantisch sein; oder es ist der Satzbau, der unklar ist: eine syntaktische Zweideutigkeit. Die Fallklärung kann hier vom Zusammenhang des Textes her argumentieren, sich also auf den Kontext berufen. Oder sie kann die Verfasserabsicht herausarbeiten. Oder sie kann zeigen, dass eine der Interpretationen eine Lückenhaftigkeit des Gesetzes zur Folge hat. Schließlich kann (d) eine Gesetzeslücke vorliegen, welche einen Analogieschluss (ratiocinatio) von einem Gesetz zu einen ähnlich gelagerten Sachverhalt nötig macht.

Bei der Argumentation von der Vernunft her muss der Sprecher sich darüber ins Klare kommen, aus welcher Kategorie (status) der Streitpunkt besteht. Es kann sein, dass (a) die Tatvermutung, die Existenz des Tatbestandes strittig ist (coniectura). Oder dass (b) die Deutung (definitio) des Tatbestandes, die Tatinterpretation hinterfragbar ist, v.a. aufgrund übergeordneter Billigkeitserwägungen. Ferner kann (c) die sittliche oder rechtliche Bewertung (qualitas) des Tatbestandes unzutreffend sein, sei es dass die Sache in sich oder aufgrund von Umständen oder Akzidenzien gerechtfertigt werden kann. Solche Umstände sind, dass etwa (i) keine böswillige Absicht vorgelegen hat, sondern Handeln aufgrund Zwanges, Fahrlässigkeit, Unkenntnis oder höherer Gewalt (concessio), (ii) Notwehr oder Manipulation des Opfers gegeben war (translatio criminis), (iii) ein Notstand vorliegt (Befehlsnotstand) (remotio criminis), oder (iv) eine Pflichtenkollision zur Wahl des geringeren Übels gezwungen hat (comparatio). Eine letzte Kategorie besteht darin, dass (d) die Kompetenz des Gerichtes oder Klägers nicht gegeben ist (translatio) und eine Einstellung oder Verlagerung des Verfahrens nötig wird.

Eine formale Analyse der Argumentation oder Beweisführung führt ferner zur Unterscheidung zweier Beweistypen. Einmal der untechnischen Beweise, welche in gegebenen Daten und Fakten bestehen, die nicht argumentativ aufbereitet werden müssen. Dies sind Gesetze, Urteile, Verträge, Zeugen, Verhöre.

Zum anderen die technischen Beweise, die in logischen Operationen bestehen. Der wichtigste ist der deduktive rhetorische Schluss oder das Enthymem (argumentum). Es handelt sich dabei um dieselben Beweistypen wie in der deduktiven Logik, mit zwei Unterschieden. Einmal handelt es sich meistens um Wahrscheinlichkeitsbeweise, also um lebensweltliche Sachverhalte und Fragen, welche keine logische oder mathematische Notwendigkeit mit sich führen. Es gibt allerdings auch in der Rhetorik logisch, metaphysisch oder physisch zwingende Beweise, insbesondere beim Indizienbeweis aus gegebenen konkreten Anzeichen. Etwa dieser, dass ein Toter notwendigerweise als Tatverdächtiger ausscheidet (vgl. Aristoteles Rhetorik I.2, 18; 1357a).

Zum Anderen sind die rhetorischen Beweise gegenüber der Logik verkürzt, indem zunächst das Aneinanderreihen zweier Schlüsse oder gar ganzer Ketten von Schlüssen tabu ist, weil sie die Aufnahme- und Verständnisfähigkeit des allgemeinen Publikums überfordert. Die Verkürzung kann noch weiter getrieben werden, indem eine Prämisse weggelassen wird, weil sie bekannt oder selbstverständlich ist. Oder der Beweis wird auf eine Sentenz, also einen einzigen Satz verdichtet, indem nur die These oder Schlussfolgerung (conclusio) genannt wird. Aristoteles (Rhet. II. 21, 1—3, 1394b) bringt als Beispiel einer Sentenz: „So ist kein Mensch auf dieser Erde frei“. In Verbindung mit dem Obersatz „Man dient dem Gelde, ist der Knecht des Glücks“ wird daraus wieder ein Enthymem. Durch den Verzicht auf den umständlichen logischen Apparat und die Straffung und Zuspitzung auf das Allerwesentlichste und den springenden Punkt gewinnt das Argumentieren an Schlagkraft und Glanz.

Der zweite wichtige rhetorische Beweistyp ist der induktive rhetorische Schluss oder das Beispiel (exemplum). Beispiele sind auf einen oder wenige Fälle verkürzte und verdichtete induktive Schlüsse. Sie sollten als induktive Bestätigung und Beglaubigung am Schluss deduktiver Schlüsse (Enthymeme) zum Einsatz kommen. Ihre Wirkung ist umso größer, je berühmter und bekannter die vorkommenden Personen und Geschehnisse sind.

Stoffgliederung: Taxis

Die Gliederung oder Anordnung (taxis, dispositio) des Stoffes betrifft die von Anaximenes untersuchten Redeteile (merê tôn logôn, partes orationis). Später wurde noch nach der (1) Einleitung (prooimium, principium, exordium) und (2) Sachverhaltsschilderung (dihegesis, narratio) eine genaue (3) Festlegung der Streitfrage (prothesis, propositio) als wünschenswert betrachtet. Außerdem galt später als empfehlenswert, die (4) Beweisführung (pistis, confirmatio, probatio, argumentatio) durch eine (5) Widerlegung der gegnerischen Argumentation zu untermauern (lysis, refutatio). Eine mögliche (6) Abschweifung (digressio) vor dem (7) Schluss (epilogos, peroratio, conclusio) wurde als optimal empfohlen, um beispielsweise den größeren Zusammenhang oder hereinspielende grundsätzliche Gesichtspunkte zur Sprache zu bringen.

Formulierung: Lexis

Formulierung (lexis, elocutio) ist sprachliche und stilistische Gestaltung. Die von der Rhetorik hier entwickelten Einsichten und Grundsätze haben Allgemeingültigkeit für jede Art literarischer Prosa und auch Poesie. Hier erfolgt die Oberflächenbehandlung des Textes und seines Inhaltes. Thema ist also die stimmige und anziehende Einkleidung der Gedanken in Maßanfertigung. Quintilian sagt, dass dies gewissermaßen die Mobilmachung der Ideen und Argumente ist, welche ansonsten wirkungslos in ihren Zeughäusern oder Gehirnen aufbewahrt sind. Die hier anstehende Herausforderung lässt sich am besten am Leitfaden der vier Stilqualitäten und der drei Stilarten abarbeiten. Die vier Stilqualitäten sind: SprachrichtigkeitKlarheitAngemessenheitSchönheit.
Die Bedeutung der Sprachgestaltung erhellt am besten aus Ciceros Theorem, wie ich seine Grundthese nennen möchte: Sprache ist Licht, das unsere Gedankenwelt und die Welt der Wahrnehmung erhellt und deutlich macht. Ungestaltete, mangelhafte, unangemessene Sprache bietet nur ein notdürftiges und verschwommenes Licht - wie bei Mondschein oder Nebel. Erst die geformte, stilvolle Sprache stellt unsere Gedanken- und Gefühlswelt und die Dinge der Außenwelt in helles, deutliches Tageslicht. In der Sprachphilosophie von Renaissance, Humanismus und Romantik und noch mehr in der Hermeneutik der Gegenwart stand und steht Ciceros Theorem im Mittelpunkt. In Gadamers maßgeblicher Wissenschaftstheorie der Geisteswissenschaften Wahrheit und Methode ist es ein Axiom.

Sprachrichtigkeit ist im sprachlichen Elementarunterricht (Grammatik) zu vermitteln. Wichtigster Maßstab ist der tatsächliche gegenwärtige Sprachgebrauch (Grundsatz der consuetudo). Zu Freiheiten, welche man sich herausnimmt, sollte man sich nur durch anerkannte Sprecher oder Dichter ermächtigt fühlen (Grundsatz der auctoritas). Althergebrachte Ausdrücke sind in Maßen annehmbar (Grundsatz der vetustas). In Zweifelsfällen sollte man nach Analogie mit verwandten eindeutigen Sprachlagen entscheiden (Grundsatz der ratio). Verstöße gegen die Sprachrichtigkeit können einzelne Wörter, v.a. deren Aussprache und Beugung, betreffen und sind dann Barbarismen. Sie können auch den Satzbau betreffen und sind dann Solözismen. Der Name kommt von der Stadt Soloi in Kleinasien her, deren Bewohner eine griechisch-asiatische Mischsprache benutzten, wie etwa das heutige Denglisch.

Klarheit oder Durchsichtigkeit (claritas, perspicuitas) der Sprache dient der Vermeidung von Dunkelheit und Verworrenheit. In Bezug auf Wörter wird sie erreicht durch die Verwendung der eigentlichen und treffendsten Bezeichnungen. Die Rede wird umgekehrt verdunkelt durch unangemessen viele Neuprägungen, altertümliche Wörter, zweideutige Wörter und übertragene Ausdrücke (Metaphern). Allerdings können Metaphern auch zur Erhöhung der Klarheit und Deutlichkeit beitragen, so Aristoteles und Cicero mit sehr guten Gründen und Belegen.
In Bezug auf den Satzzusammenhang wird Klarheit erreicht durch eine eingängige, überschaubare Wortfolge und durch lebendige Anschaulichkeit (Plastizität). Umgekehrt wird der Sinn hier verdunkelt durch Sperrungen (Auseinanderziehen normalerweise aufeinander folgender Wörter), Klammern, doppeldeutige Fügungen, Weitschweifigkeit, Überkürze. (Eine dem Interesse der eigenen Sache dienende und auf die Gefühlsebene zielende Deutlichkeitsteigerung und Zuspitzung nannten die Römer amplificatio und die Griechen auxesis.)

Die Stilqualität der Angemessenheit (prepon, aptum, decorum) meint das verständige Eingehen auf den Erwartungshorizont des Publikums. Dieser spielt auf den Ebenen des tatsächlichen Typischen und des konventionellen Normativen. Dazu kommt die unterscheidungsfähige Angemessenheit des Sprechens hinsichtlich der Hörer, des Gegenstandes, des Ortes und der Zeit. Betreffs der Person des Sprechers heißt dies Vermeiden von Prahlerei, Respektlosigkeit, Jähzorn, Schmeichelei und Possenhaftigkeit. Zweitens gehören dazu ästhetische und kommunikative Mindestforderungen wie das Vermeiden von Geschmacklosigkeiten und Gespreiztheiten. Auf der Sachebene läuft dies auf die Beachtung der drei Stilarten hinaus: Der erhabene oder hohe Stil entwickelt, so die klassischen Rhetoriker, Glanz und Großartigkeit oder auch düstere Leidenschaftlichkeit durch Einsatz ausgesuchtester und packendster Wörter, Figuren und Perioden und ist geeignet Leidenschaften zu entfesseln und Widerstände zu brechen. Er ist hohen und höchsten Werten vorbehalten: Tod und Leben, Ehre und Ehrverlust, Wohl und Wehe des Staates. In der Dichtung ist er der Stil des Epos und der Tragödie, welche das Schicksal von Göttern, Heroen und Königen behandelt. Der mittlere Stil zielt auf Gewinnen der Zuneigung und auf angenehme Unterhaltung. Der schlichte Stil ist der Stil der Belehrung und des Beweisens, so auch in Privatprozessen. In der Dichtung kommt er beim Lustspiel zum Einsatz, das die Taten und Schwierigkeiten gewöhnlicher Menschen behandelt.

Die vierte Stilqualität ist die Schönheit oder Eleganz des Sprechens (ornatus). Sie kommt zum Zuge in der Wortwahl, im Satzbau, in der klanglichen Abstimmung und in der rhythmischen Gestaltung des Bewegungsflusses der Rede. All dies erreicht, so die Klassiker der Rhetorik, dass das Publikum mit Vergnügen an dem Vorgetragenen und mit Bewunderung vor der Größe der Sprachmeisterung zuhört.

Eleganz der Wortwahl: Hier werden die Sinn- oder Bedeutungsspielräume der Sprache entlang dreier Koordinatenachsen genutzt. Diese sind (i) Neuprägungen durch Wortverbindungen und -ableitungen; (ii) altertümliche Ausdrücke; (iii) übertragene bildliche Ausdrücke oder Tropen [Wendungen], v.a. Metaphern. Wie kaum ein Sprecher einer anderen Sprache ist der Deutsche in der Lage, durch Möglichkeit (i) Spracheleganz zu erzielen. Grund ist die überdurchschnittliche schöpferische Erweiterbarkeit seiner Muttersprache.

Als Königsweg eleganter Wortwahl wurde jedoch stets der übertragene Ausdruck, v.a. die Metapher betrachtet und geschätzt. In Anlehnung an Fuhrmann (Die antike Rhetorik, Düsseldorf 2007 [1984]) kann man dabei von dem Grenzfall völliger Übereinstimmung zwischen dem eigentlichen und dem übertragenen Wort ausgehen. Dieser wird markiert durch das gleichbedeutende Wort (Synonym), die Umschreibung (Paraphrase, auch eine Definition ist in diesem Sinn eine Umschreibung), sowie die Verneinung des Gegenteils (Litotes).

Nur noch eine Teilübereinstimmung weisen Wendungen (Tropen) auf wie das Mitverstehen (Synekdoche): Gattung für Art (genus pro specie), z.B. "Sie beherrscht das Tier" = "Sie beherrscht das Pferd"; Teil für Ganzes, z. B. "seine Brötchen verdienen" = "seinen Lebensunterhalt verdienen" resp. Ganzes für Teil (totum pro parte); Mehrzahl für Einzahl (pluralis pro singulari), z.B. "Die Grünen waren bei der Pressekonferenz nicht vertreten" = "Der Pressesprecher der Grünen war nicht anwesend". Dies alles gibt es natürlich auch in umgekehrter Richtung: Einzahl für Mehrzahl etc., z. B.: "Der Chinese erobert den Weltraum" = "Das chinesische Volk / Staat erobert den Weltraum". Oder die Namensumschreibung (Antonomasie), welche einen Eigennamen durch das ersetzt, was heutige Logiker eine definite Deskription nennen ("der höchste Berg Deutschlands" statt: "Zugspitze") oder aber durch ein Appellativum ("der Eiserne Kanzler" statt: "Bismarck"). Oder auch die Emphase, also die Bedeutungsverschärfung ("Sei ein Mann!" für: "Zeige männliches Verhalten!").

Die Bedeutungsumfänge von eigentlichem und übertragenem Wort berühren sich nur noch bei dem Tropos der Metonymie (denominatio). Er meint die Nennung der Ursache statt der Wirkung, z.B. "Vergil lesen" statt: "die Bucolica (Georgica, Aeneis) lesen". Oder aber eines abstrakten Begriffs bzw. eines Symbols statt des konkreten Begriffs: "Die Verwandtschaft streitet sich" statt: "Die Verwandten streiten". Oder der Symbolausdruck "Waffen" statt "Krieg", etwa in dem Ausdruck: "Die Waffen sprechen" für "Es ist Krieg".

Beim Bildwort (Metapher) liegen schließlich völlig getrennte Bedeutungsumfänge vor, die lediglich ein gemeinsames Merkmal, eine Analogie aufweisen. Metaphern sind verkürzte Gleichnisse. Beispiel: "Frühling des Lebens" = "Jugend"; "Abschaum der Stadt" = "Pöbel". Eine Allegorie ist dabei die fortgesetzte Metaphorisierung mit Hilfe desselben Bildbereichs. – Auch bei der Verstellung oder Ironie, also dem Sagen des Gegenteils des Gemeinten, liegen gewissermaßen völlig getrennte, nämlich entgegengesetzte Bedeutungsumfänge vor.

Eleganz der Sätze und Texte: Hier werden die syntaktischen Spielräume der Sprache ebenfalls entlang dreier Koordinatenachsen genutzt: Wortmuster oder -figurenGedankenschemata oder -figuren Satzfügung (synthesis, compositio).

Eine Wort-Figur ist die überlegte Fügung oder Anordnung mehrerer Wörter. Im Unterschied dazu sind o.g. Tropen alternative Setzungen eines Wortes oder Begriffs. Ein erstes Grundmuster der Figuren arbeitet mit Wiederholung und Hinzufügung. Dazu zählen unmittelbare Wortverdopplung (Epanalepsis, geminatio). Beispiel: "Jetzt, jetzt müssen Sie handeln!" Sie wird Anadiplose genannt, wenn am sie am Ende einer Wortgruppe und am Anfang der folgenden auftritt. Dann die Anapher: mehrere Satzglieder beginnen mit demselben Wort, und die Epipher: mehrere Satzglieder enden mit demselben Wort. Ferner das Polysyndeton: die Wiederholung desselben Bindewortes (Konjunktion). Beispiel: "Sie glauben, dass sie siegen, dass sie ungestraft bleiben, dass sie Verträge brechen können, dass sie ..." Die Figura ethymologica ist ein wiederholtes Aufgreifen desselben Wortstamms. Beispiel: "In der Entspannung angespannt bleiben". Das Wortspiel (Paronomasie) ist das Aufgreifen desselben Wortklangs: "Nicht entrückt, sondern verrückt ist er". Die Alliteration arbeitet mit denselben Anfangskonsonanten ("veni, vidi, vici"; "Wucht der Waffen"; "Luft und Liebe" = Prinzip des germanischen Stabreims). Das Homoioteleuton verwendet dieselben Endbuchstaben (= Endreim). Beim Hendiadyoin (Eins durch Zwei) wird ein Begriff wird durch zwei Begriffe ausgedrückt: "Jammern und Wehklagen" statt: "Klagegeschrei". Eine Distributio ist eine Sachverhalts- oder Begriffsanalyse durch mehrere Umstände oder Merkmale. Eine noch andere Form der Wiederholung ist die Synonymenhäufung (congeries). Eine letzte Form ist die Klimax (gradatio), eine sich steigernde Aufzählung von Eigenschaften, Umständen oder Ereignissen / Handlungen: "vincula, carcerem, verbera, secures, crucem" / "Fesseln, Kerker, Schläge, Beile, Kreuz" [Cicero: Verr II, 3, 59]

Ein zweites Grundmuster von Wortfiguren arbeitet mit Auslassungen. Dazu zählt die Ellipse, also das Weglassen der Kopula oder des Verbes. Beispiel: "Was tun?" statt: "Was ist zu tun?" Oder: "In Hamburg [herrscht] seit Mittwoch Schneechaos". Dann das Asyndeton, eine Folge unverbundener Satzglieder an derselben Satzstelle. "Er schrie nach dem Hausmeister, drückte die Klingel, schnappte den Feuerlöscher, zertrümmerte die Tür". Schließlich das Zeugma, die Beziehung eines Prädikates auf verschiedene (auch grammatikalisch nicht passende) Objekte. Beispiel: "Die Uferzone wurde überschwemmt von Hochwasser und Stechmücken".

Ein drittes Grundmuster von Wortfiguren arbeitet mit Wortumstellungen: Überkreuzstellung (Chiasmus), z.B.: "Alles Geld ist auf der Bank, zu Hause ist fast nichts" – Sperrung (Hyperbaton), die Trennung zweier zusammengehöriger Wörter durch ein/mehrere andere, z.B. "Die wichtigste in all diesen Prüfungen Wirkung ihrer Liebe war ..." statt: "Die wichtigste  Wirkung ihrer Liebe in all diesen Prüfungen war ..." – Zeitumkehr (Hysteron proton), z.B.: "Wir werden den Fall lösen und uns Gedanken machen".

Die Gedankenschemata oder -figuren kann man mit Quintilian in vier Gruppen unterteilen. Erstens Schemata der syntaktischen Schärfung oder Prägnanz. Dabei wird zur emotionalen Verstärkung ein anderer als der zu erwartende Satztyp gewählt. Die rhetorische Frage ("Meine Freunde, welchen Weg wählen wir?"), der rhetorische Zweifel, das Bedenklichkeit zeigen wegen der Masse oder Schwierigkeit des Stoffes, der Ausruf ("Habe nun – Ach! – Philosophie, Juristerei, Medizin ...") gehören hierher.

Zweitens gibt es die Gruppe der Schemata, welche eine semantische Schärfung oder Profilierung des Gedankens bringen: Semantischer Gegensatz (Antithese) bis zum Scheinbaren Widerspruch (Oxymoron: "Beredtes Schweigen") und die Berichtigung (correctio).

Oder drittens die Gruppe der Schemata, welche umgekehrt eine Dämpfung, Unschärfe, Zurückhaltung und Aussparung beinhalten: Die ausdrückliche, d.h. die Sache doch kurz ansprechende oder behandelnde Übergehung (praeteritio), die Anheimstellung (permissio) des Urteils an die Hörer, das Abbrechen des Satzes (Aposiopese, reticentia).

Eine vierte Gruppe hat als gemeinsamen Nenner eine virtuelle Interaktion oder Kommunikation. Dazu zählt die vom Redner selbst beantwortete Frage an das Publikum oder an eine abwesende Person oder Gruppe. Dann die Abwendung vom Publikum hin zu einem Zweitpublikum oder eine fiktive Person oder den Gegner (Apostrophe). Ferner der nachahmende Auftritt einer anderen Person (Ethopoiie, sermocinatio). Schließlich die Personifikation (Prosopopoiie, personifcatio), das Auftretenlassen und Reden fiktiver Personen oder auch Gegenstände wie Erde, Nation, Natur.

Ansprechende und fesselnde Wortfügung im Satz (synthesis, compositio) meint v.a. den Periodenbau. Sätze im Text sollten nicht nur mechanisch aneinandergereiht werden (= Parataxis). Der Text sollte vielmehr architektonisch gestaltet und ausgewogen sein (= Hypotaxis). Er sollte sogar eine abgerundete, organisch gegliederte Einheit bilden. Dies kann durch größere (Kola, vgl. unser Semikolon) und kleinere Sinnabschnitte (Kommata, vgl. unser Komma), bestehend aus untergeordneten Nebensätzen, geschehen. Man kann aber auch Hauptsätze organisch und sehr wirkungsvoll zusammenfügen. Oft ist dies sogar gelungener. Im Gegensatz zur Versdichtung folgt die Gliederung und der Rhythmus aber stets den Sinnfugen.

Im Einzelnen kommen diese besonderen Techniken zum Einsatz: Parallelismus bzw. Antithese der Kola oder Sinnabschnitte. Beispiel: "Minister xy hat bei der Wahl die überfällige Steuerreform angekündigt, sie noch vor Weihnachten dem Parlament vorgelegt, die Vorlage bis zur Sommerpause mehrfach abgeschwächt, das Vorhaben jetzt bis auf weiteres wieder eingefroren". Beides u.U. verstärkt und verdeutlicht durch gleiche Silbenzahl und -länge der parallelen oder antithetischen Glieder (Parison) oder durch Klangentsprechungen (Paromoiose). Sodann die aufsteigende Anordnung (ordo) der Satzglieder in Form einer Stufenleiter (Klimax). Oder die Verbindungstechnik (iunctura) zur Vermeidung von Hiat und Kakophonie. Ersteres meint schwer auszusprechende Folgen von Endvokal und Anfangsvokal aufeinanderfolgender Wörter ("Ein Geckho unkt nicht"). Letzteres meint den Zusammenprall ähnlicher rauer Konsonanten ("Fischers Fritz frisst frische Fische"). Der Rhythmus (numerus) ist besonders bei den Satzschlüssen (Klauseln) wichtig und auch bei den Satzanfängen. Aristoteles empfiehlt am Anfang den Versfuß des Päan –υυυ –υυυ (z.B. "Frieden an den Fronten ist das ...") und am Schluss den umgekehrten Päan υυυ– υυυ– (z.B. "... den zu verraten sie erwog"). Später wurden folgende Klauseln klassisch: Kretikus + Trochäus: –υ– –υ (z.B. "... festgestellt haben"); Dikretikus: –υ– –υ– (z.B. "... Politik der Vernunft"); Kretikus + Ditrochäus: –υ– –υ– υ (z.B. "... Freunde für alle Zeiten").

Einprägung: Mneme

Die Einprägung und Gedächtnistechnik (mneme, memoria) ist der vierte Arbeitsgang des Sprechers: "Die Handbücher pflegten eine Mnemotechnik zu empfehlen, die auf sogenannnten Gedächtnisörtern und Gedächtnisbildern beruht. Man stelle sich z.B. ein Haus mit vielen Zimmern vor, ein wirkliches oder ein erdachtes, doch so, dass über die Anordnung keinerlei Zweifel besteht; dann verteile man den jeweiligen Redestoff auf diese Zimmer, wobei jeder Abschnitt der Rede durch einen in einem jeden Zimmer untergebrachten Gegenstand, das Gedächtnisbild, symbolisiert wird – in dem Zimmer, das für eine Seefahrt steht, hängt ein Anker, in demjenigen, das an einen Kampf erinnern soll, ein Schwert usw." (Fuhrmann: Die antike Rhetorik, Düsseldorf 2007, 79)

Vortrag: Hypokrisis

Der Vortrag (hypokrisis, pronuntiatio, enuntiatio) bringt den zusätzlichen Einsatz von Gesichtsausdruck – Körpersprache – Stimmführung ins Spiel. Die Ausführungen von Crassus in Ciceros Dialog Über den Redner gipfeln in der Behandlung des lebendigen Vortrags der Rede, den die Römer auch die Aktion (actio) nannten (III, 213—227): „Der äußere Vortrag ... hat in der Beredsamkeit die größte Macht. Ohne ihn kann der größte Redner in keinen Betracht kommen, mit ihm ausgerüstet der mittelmäßige oft über die größten siegen.“ (III, 213). Selbstverständlich steht hier zunächst die Stimme und ihre Ausdrucksmöglichkeiten im Mittelpunkt. Zur stimmlichen Ausdrucksgestaltung tritt die Körpersprache in Stellung, Bewegung und Gestik. Der dritte Faktor bei der Aktion oder dem Vortrag ist das Mienenspiel des Gesichtes und besonders der Augenausdruck und Blickkontakt.
Crassus / Cicero abschließend über die Aktion des Sprechens: „In allem, was zum äußeren Vortrag gehört, liegt eine natürliche Kraft. Durch ihn werden daher auch Laien, durch ihn die breite Masse, durch ihn selbst die unserer Sprache Unkundigen beeindruckt und ergriffen [...] Der Vortrag, der die Bewegungen des Geistes und Herzens zur Anschauung bringt, spricht sie alle an.“ (III, 223)

Die Römische Rhetorik: Cicero

Geschichtlicher Hintergrund

Marcus Tullius Cicero (106—43 v. C.) arbeitete und kämpfte für das Ideal des vollkommenen Redners, der Rhetorik und Philosophie verbindet. Cicero ist anerkanntermaßen der wohl fähigste und erfolgreichste Sprecher im Bereich der Römischen Zivilisation. Ciceros rhetorischer Werdegang fällt zudem in eine der auch weltgeschichtlich interessantesten und dramatischsten Epochen. In dem 20-jährigen Ringen zwischen Römischer Republik und der Monarchie der Kaiserzeit war Cicero der maßgebliche Vordenker, Sprecher und Vorkämpfer der Sache der Republik – gegen Catilina, gegen Cäsar und gegen Antonius. Sein ethisches Verantwortungsbewusstsein und seine umfassende Bildung und – trotz allen Schlechtredens aufgrund gelegentlichen Mangels an beherrschter contenance – auch sein realpolitischer Verstand und Mut überragte bei weitem die sonstigen Mitglieder des Senates. Er scheiterte nach seiner eigenen und m.E. zutreffenden Einschätzung lediglich an Beschränktheit, Kurzsichtigkeit und moralischem Verfall seiner Kollegen im Senat und der Vertreter der Republik überhaupt.

Die letzte Phase seines Lebens zeigt denn auch eine noch einmal verstärkte Hinwendung zur Philosophie, welche jetzt als der letztlich tragfähige und vorrangige Standpunkt erscheint – auch gegenüber der Rhetorik und Politik. In diesen chaotischen und dramatischen Jahren politischer Schlachten, endlosen Bürgerkrieges und persönlicher Verfolgung und Gefährdung erschafft Cicero bekanntlich in zahlreichen Werken zur Ethik, Rechtsphilosophie, Metaphysik, Politik, Theologie zum ersten Mal eine Römische Philosophie in lateinischer Sprache und Terminologie. Damit ist Ciceros letzter Standpunkt nicht weit entfernt von Platons vorrangiger Verankerung sinnvoller, d.h. Gerechtigkeit und Wohlfahrt vermittelnder Rhetorik und Politik, in Philosophie, Bildung und Ethik.

Es ist zwar kein Zufall (sondern Voraussetzung seiner Größe), aber für die Sache dennoch ein Glücksfall, dass dieser Mann sich zugleich auch theoretisch ausführlich mit der Rhetorik befasst hat und – unter anderem – 55 v. C. das mit gültigste und gehaltvollste Handbuch der Rhetorik verfasst hat, den Dialog de oratore.

Ciceros Bildungsweg stand dabei unter besonders glücklichen Vorzeichen. Seine Lehrer waren keine Geringeren als der Rektor der platonischen Akademie, Philon von Larissa (s.o.), der von 88 v. C. an einige Jahre in Rom lebte und wirkte, sowie die größten Redner Roms vor Cicero: Licinius Crassus (140—91 v. C.) und Marcus Antonius (143—87 v. C.). Außerdem ging Cicero in die Schule der führenden Rechtsgelehrten Quintus Mucius Scaevola [Augur] (170—84 v. C.) und dessen gleichnamigen Verwandten Quintus Mucius Scaevola [Pontifex] (140—82 v. C.), dem Verfasser des ersten Römischen Rechts-Handbuches. Auf einer Studienreise nach Griechenland und Kleinasien 79—77 v. C. vertiefte und vervollkommnete Cicero seine wissenschaftlichen Kenntnisse und rednerischen Fähigkeiten an den ersten Elitehochschulen seiner Zeit: Athen und Rhodos. In Athen hörte er den neuen Rektor der platonischen Akademie, Antiochos von Askalon (130—68 v. C.). In Rhodos arbeitete er mit großem Gewinn bei dem Rhetoren Appollonios Molon und dem Philosophen Poseidonios.

Brutus [WikiCommons]Erst nach den afrikanischen (punischen), iberischen, griechisch-makedonischen und vorderasiatischen Kriegen des 2. Jh. v. C., in denen Rom zur Weltmacht aufstieg, begann die Aufnahme und Aneignung der griechischen Rhetorik in Rom. Ihr Ort war der Bildungskreis um Scipio africanus minor, dem Eroberer Karthagos und Numantias, Ciceros prägendes Vorbild. Schon immer war allerdings die rhetorische Praxis in der Römischen Republik in fast einzigartiger Weise geübt worden. Römische Neigungen und zugleich außerordentliche Begabungen waren dabei Rechtswissenschaft, Verfassungsordnung, Geschichte, Ethik, Religion. Man hielt sich aber an den Leitsatz Catos des Älteren: Rem tene, verba sequentur [Behalte die Sache im Auge, dann folgen die Worte von selbst]. So erfolgte 161 v. C. ein Senatsbeschluss gegen die Tätigkeit griechischer Rhetoren und Philosophen in Rom. Und noch 92 v. C. erging ein Verbot (Zensur) lateinischer Rhetorenschulen. [Bronzeskulptur oben: Römer aus der Zeit der Republik, sog. Brutus]

Ciceros Rhetorik: De oratore

Cicero [WikiCommons]Der Dialog de oratore ist das erste schriftstellerische Werk Ciceros. Mit ihm beginnt nach Ablauf der politischen Ämterlaufbahn und angesichts der Blockade von Ciceros politischer Sammlungsbewegung für die Republik (durch die Triumvirn Cäsar, Pompeius und Crassus) Ciceros Aufarbeitung der griechischen Wissenschaft und Zivilisation für den Römischen Geist und die Lateinische Sprache. Die Dialogform erlaubte ihm menschliche Vertiefung und dramatische Belebung des zu behandelnden Gegenstandes. Platon und Aristoteles waren hier seine Vorläufer. Das fiktive Gespräch findet an zwei Septembertagen des Jahres 91 v. C. Statt. Hauptunterredner des Dialoges sind die größten Redner Roms vor Cicero und die Lehrmeister des jungen Cicero: Licinius Crassus (140—91 v. C.) und Marcus Antonius (143—87 v. C.). Ihre Erfahrungen und Erinnerungen an Prozesse, Senatsdebatten und Volksreden erden das Gespräch in der Realität der Lebenswelt. [Skulptur oben: Cicero]

Crassus vertritt dabei die Position und Überzeugung Ciceros von der Notwendigkeit universaler Bildung des Redners. Sein Schwerpunkt ist ansonsten die Formulierungs- und Vortragskunst. Antonius, der Großvater des Cäsaranhängers und Triumvirn selbigen Namens, und Vater von Ciceros Mitkonsul ebenfalls desselben Namens ist hingegen der Meister der Stoffsammlung und -anordnung sowie der Sachargumentation. Er vertritt eine pragmatisch ausgerichtete Rhetorik ohne die Notwendigkeit einer vertieften Allgemeinbildung. Beide waren ursprünglich Gegner, später Anhänger der Senatspartei. Die weiteren Mitunterredner: der greise Quintus Mucius Scaevola [Augur] und drei aufstrebende junge Politiker bringen ergänzende Akzente ein. Scaevola ist das Bindeglied zu dem Bildungszirkel um Scipio africanus minor, dem er selbst noch angehörte. Von diesem Scipio Aemilianus, wie er auch genannt wird, ging wie erwähnt die von Cicero vollendete Verbindung und Verschmelzung griechischer Bildung und Wissenschaft und Römischer Politik und Ethik aus. Ciceros Thesen zur Rhetorik sind diese:

(1) Rhetorik verbindet universelle Bildung mit deren Darstellung und Vermittlung.

(2) Sprache ist der Inbegriff des eigentlich Menschlichen: Sie macht seinen Vorrang vor Tieren aus. Rhetorik als Sprachmeisterung ist die eigentliche Selbstverwirklichung des Menschen.

(3) Die Trennung von Denken (Philosophie) und Sprechen (Rhetorik) ist falsch.

(4) Maximalbedingungen des idealen Redners sind: Natürliche Begabung – Praktische Übung – Studium von Theorie und Technik der Rede – Allgemeinbildung.

(5) Minimalbedingungen des idealen Redners sind Verstandesschärfe – Gespür und Einfühlung – Lebenserfahrung.

(6)  Inhaltliche Beherrschung öffentlichen Redens umfasst die Informationsebene (probare), die Kontaktebene (conciliare) und die Emotionsebene (movere).

(7) Formale Beherrschung des öffentlichen Redens (I): Einheit von Inhalt und Form: „Da jede Rede aus Sachen und Worten besteht, so können weder die Worte eine Grundlage haben, wenn man ihnen die Sachen entzieht, noch die Sachen Licht, wenn man die Worte davon absondert.“ (III, 19)

(8) Die Einheit von Geistes-, Ausdrucks- und gesellschaftlicher Gestaltungskraft ist das anzustrebende Ideal oder die Norm.

(9) Diese Norm richtet sich sowohl gegen die Trennung von Geist und Macht und die damit verbundene Mittelmäßigkeit in der Politik und im öffentlichen Leben, wie auch gegen die Trennung von Geist und Sprachbeherrschung oder von Rhetorik und Philosophie.

(10) Formale Beherrschung des öffentlichen Redens (II): Sachbeherrschung ist die Mutter der Ausdruckskraft.

(11) Formale Beherrschung des öffentlichen Redens (III): Sprachliche Gestaltung umfasst Wortwahl, Satzbau und Textarchitektur.

(12) Formale Beherrschung des öffentlichen Redens (IV): Fesselnde und bewegende sprachliche Gestaltung erfordert rhetorische Figuren des Gedankens und des Ausdrucks.

(13) Öffentliches Sprechen ist Tat und Leben: „Der äußere Vortrag hat in der Beredsamkeit die größte Macht“ (III, 213), denn „der äußere Vortrag ist ... die Sprache des Körpers. Um so mehr muss er mit dem Geist in Einklang stehen (III, 223).

Die folgende Verknüpfung enthält eine ausführliche Vorstellung und Begründung der Thesen von Ciceros Dialog de oratore:

Rhetorik in Spätantike – Mittelalter – Neuzeit

In der Spätantike, beginnend ab der Zeitenwende und endgültig seit Quintilian (35—96 n. C.) wurde die Rhetorik zur Dachdisziplin und zum Inbegriff höherer Bildung, philosophischer Orientierung und sowohl wissenschaftlicher wie praktischer, politischer Befähigung.

Eine rhetorische (oder alternativ: juristische) Ausbildung war sowohl notwendige wie hinreichende Bedingung für höhere Funktionen in Politik, Verwaltung und Rechtsprechung. Quintilians fast 1000-seitige Institutio oratoria (Unterweisung in der Redekunst) in zwölf Büchern wurde hier das Leitwerk, das in Cicero das verpflichtende Vorbild sah. Es ist nicht mehr und nicht weniger als die bildungspolitische und gesellschaftliche Umsetzung des Ideals des perfekten, gebildeten Redners in Ciceros monumentaler Programmschrift de oratore.

Dies blieb im Grundsätzlichen so bis zum Ende des 18. Jh.: Die Rhetorik war die Königsdisziplin des Triviums der sprachlichen Bildung (Grammatik – Dialektik – Rhetorik) des in der Antike entstandenen Kanons der Sieben freien Künste. Das ergänzende Quadrivium umfasste bekanntlich die mathematischen Wissensgebiete: Arithmetik – Geometrie – Musik – Astronomie. Die sprachliche Bildung mit der Rhetorik war die Kunst der Künste und die Mutter der Wissenschaft: "In der Philosophie des Mittelalters hat die[se] grundlegende Reflexion auf Sprache in den Fächern der Logik und Dialektik, aber auch in der Grammatik, eine ebenso elementare wie umfassende und systematische Gestalt gefunden. Als 'ars artium', 'scientia scientiarum' oder 'disciplina disciplinarum' bildete sie das Eingangstor ... beim Zugang zu den weiteren Disziplinen ... und trug dadurch maßgeblich zur Herausbildung eines Gesprächsniveaus bei, das in seiner Transparenz und Homogenität eine einzigartige Höhe der Verständigung erreichte. Zunächst durch das neuplatonische Konzept der sieben freien Künste ('septem artes liberales'), später gemäß dem aristotelischen Wissenschaftsaufbau organisiert, umfaßte die mittelalterliche Sprachreflexion neben semiotischen, semantischen und logisch-syllogistischen durchaus auch pragmatische, rhetorische und poetologische Themen." (H.-G. Nissing: Sprache als Akt bei Thomas von Aquin, Leiden 2005, 2-3).

Die aristotelische Wissenschaftseinteilung bedeutet dabei in Sachen Rhetorik lediglich eine Umgruppierung und keine Relativierung. Auch entwertet sie den Kanon der Sieben freien Künste nicht, sondern integriert ihn, wie folgende Übersicht zeigt: 1 Realwissenschaften / Naturphilosophie (philosophia realis / naturalis) 1.1. Physik 1.2 Mathematik (= Quadrivium: Arithmetik – Geometrie – Musik – Astronomie) 1.3 Metaphysik – 2 Moralphilosophie (philosophia moralis) – 3 Formalwissenschaften (philosophia rationalis = Trivium) 3.1 Dialektik 3.2 Grammatik 3.3 Rhetorik.

In der Wahrnehmung der Aufklärung geriet die Rhetorik in einen Gegensatz zu Vernunft und rationaler Erkenntnis und wurde seit dem Ende des 18. / Anfang des 19. Jh. aus dem Bildungsprogramm verdrängt und in der öffentlichen MeinungGeorgius Fridericus Meier Magnus Manske CC BY 2.0 eher negativ belegt. Wie eingewurzelt und selbstverständlich das Bildungsprogramm der Tradition mit der Rhetorik als Dachdisziplin und Inbegriff höherer Bildung jedoch bis unmittelbar vor dem Traditionsbruch um 1800 war, zeigt Georg Friedrich Meiers Logikhandbuch Vernunftlehre, Halle 1752 [repr. Hildesheim / Zürich / New York 2015]: "Meiers Logik ist zugleich Rhetorik und wird als eine Wissenschaft definiert, die von den Regeln der gelehrten Erkenntnis und der gelehrten Darlegung handelt. Darüberhinaus enthält sie zahlreiche Darlegungen zur Erkenntnistheorie, Ästhetik, Poetik, Hermeneutik und Anthropologie." (Buchbeschreibung) Meiers Vernunftlehre bzw. deren Kurzfassung Auszug aus der Vernunftlehre, Halle 1752 [repr. in Kant's gesammelte Schriften: Akademie-Ausgabe XVI, 1—872], wurde von Immanuel Kant seinen Logikvorlesungen zu Grunde gelegt und auch seiner eigenen Logikdarstellung Immanuel Kant‘s Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen. Hrsg. von Gottlob Benjamin Jäsche. [Bild links: G. F. Meier, 1718—1777]

Moderne Rhetorik

S. Toulin [PhilWeb]Seit Mitte/Ende des 20. Jh. wurde und wird die Rhetorik (Perelman, Toulmin) in ihrem ursprünglichen Anspruch neu zur Geltung gebracht. Inzwischen hat sie auch die Anerkennung der logischen und wissenschaftstheoretischen Grundlagenforschung gefunden (Hintikka, Kuhn, Feyerabend, H. W. Johnstone). Es ist heute wie bei Aristoteles, Cicero und in der Spätantike ein Zusammenwachsen und eine Verbindung von Logik und Dialektik (Philosophie) einerseits und Sprache und Kommunikation (Rhetorik) andererseits feststellbar. Programmatische Manifeste dieser Annäherung und Verbindung von Rhetorik/Hermeneutik einerseits und formalisierter Logik und klassischer Wissenschaftstheorie andererseits legten – von Seiten der formalisierten Logik – vor: Natanson, M. / H. W. Johnstone, Jr. (eds.): Philosophy, Rhetoric, and Argumentation, Philadelphia 1965; Seebohm: Philosophie der Logik, Freiburg / München 1984, der auf der Basis der gemeinsamen Arbeit mit Henry W. Johnstone Jr. an der ursprünglichen Hochburg von New Rhetoric (Penn State University) beide Seiten zu Wort kommen lässt; Hintikka: Socratic Questions, Logic and Rhetoric. In: Revue Internat. de Philosophie 47 (1993), 5—30, und ders.: Strategic Thinking in Argumentation and Argumentation Theory. In: Revue Internat. de Philosophie 50 (1996), 92—130. [Foto oben: Stephen Toulmin, * 1922]

Von Seiten der Hermeneutik und Rhetorik ist in diesem Zusammenhang zu nennen: Toulmin, S.: Rationality & Reasonableness. From Propositions to Utterances. In: Revue Internat. de Philosophie 50 (1996), 297—305, und das von H. W. Johnstone, Jr. zusammen mit Perelman begründete maßgebliche Journal Philosophy and Rhetoric. Ihren Niederschlag findet diese Anerkennung der Neuen Rhetorik in der sog. Informellen Logik oder Argumentationstheorie (s. u.). In gewissem Sinn geht aber auch der moderne Logikkalkül des Natürlichen Schließens oder der Natürlichen Deduktion (ND) in diese Richtung. Denn seine Motivation ist, die tatsächlichen Arten v.a. mathematischen, aber auch überhaupt logischen Schließens systematisch zu untersuchen, die wir beim Argumentieren oder bei der Konstruktion von mathematischen Beweisen „natürlicherweise“ verwenden. Vgl. Gentzen: Untersuchungen über das logische Schließen, In: Mathematische Zeitschrift 39 (1934/35), 176—210, 405—431; Jaskowski: On the Rules of Supposition in Formal Logic. In: Studia Logica 1 (1934). Die ersten konsequent am System ND ausgerichteten Darstellungen waren Anderson / Johnstone: Natural Deduction, Belmont Ca. 1962, und in Deutschland Seebohm: Elementare formalisierte Logik, Freiburg / München 1991 [mit einem Beweis der Korrektheit und Vollständigkeit des Kalküls ND von O. Wiegand, ebd. 233—245] sowie Essler / Martinez Crucado: Grundzüge der Logik I, Frankfurt a. M. 5. Aufl. 2001.

Die im Vorhergehenden besprochenen Klassiker stehen hier regelmäßig Pate. Dies liegt bei dem Vordenker von New Rhetoric, Chaïm Perelman (1912—1984), zu Tage, der stets betont, dass diese sich der griechisch-römischen Rhetoriktradition verdankt. Grundlegend hierzu ist Perelman, C. / Olbrechts-Tyteca, L.: Traité de l'argumentation: La nouvelle rhétorique, Paris 1958 [engl.: The New Rhetoric: A treatise on Argumentation, Notre Dame, Ind. 1969]. Auch Toulmins bekanntes pragmatisches oder rhetorisches Argumentationsmodell ist im Grunde nichts anderes als eine Neubehandlung der Argumentationstheorie (Enthymem und Paradigma), Beweisstrategien und Arbeitsschritte der aristotelischen Rhetorik. Vgl. Toulmin: The Uses of Argument, Cambridge 2003. Dasselbe gilt von dem bekanntesten Theoretiker der Rhetorik in Deutschland, Peter L. Österreich:  Fundamentalrhetorik. Untersuchung zu Person und Rede in der Öffentlichkeit, Hamburg 1990, und ders.: Philosophie der Rhetorik, Bamberg 2003.

Zugleich ist auch die angewandte Rhetorik in einem ungeheuren Aufschwung begriffen, und zu einem Hochwertbegriff geworden. In zahllosen Fortbildungen und Seminaren eignen sich Wirtschaftsführer, Politiker, Psychologen und Dozenten Theorie und Praxis der Rede und des Gesprächs an. Die besten und erfolgreichsten Seminare und Referenten machen sich die Vorarbeit der klassischen Rhetoriktradition zu Nutze. Die Rhetorik-Seminare Rupert Lays etwa besetzen nach Teilnehmerrang, Wertschätzung und auch Preislage honni soit qui mal y pense den ersten Rang im deutschen Sprachraum. Die Rhetorik-Handbücher Lays sind Erfolgsbücher. Einschlägig sind (i) Lay: Führen durch das Wort. Fremd- und Eigensteuerung – Motivation – Kommunikation – Praktische Führungsdialektik, 6. Aufl. Frankfurt a. M./Berlin 1993 [auch als TB Düsseldorf 2002]; (ii) Lay: Dialektik für Manager, Methoden des erfolgreichen Angriffs und der Abwehr, 5. Aufl. Berlin 2004; (iii) Lay: Das Bild des Menschen. Psychoanalyse für die Praxis, 2. Aufl. Frankfurt a. M./Berlin 1989. Die Titel sind der Sache nach Ausarbeitungen zu den Teildisziplinen der Rhetorik nach der aristotelischen Definition: "Rhetorik [i] ist eine Entwicklung und Verbindung von Dialektik [ii] und Psychologie [iii]" (Rhet. I.2, 1356a25f.). (Lays Neigung zu ebenso saloppen wie agnostischen und liberalistischen Zungenschlägen ist freilich nicht aristotelisch, sondern bundesrepublikanische Manier.) 

Der Bezug auf die Klassiker der Rhetorik und Dialektik ist darüber hinaus ausdrücklich: "In der Dialektik begegnen wir ... einer Kunst, deren Beherrschung im 15. Jahrhundert aus dem europäischen Bildungswesen verschwand [...] Als erster entwickelte Platon erkenntnistheoretische und praxisorientierte Strategien [...] der Dialektik [...] Bei Platon war sie 'Wahrheitsfindungs-Dialektik' wir würden heute von Problemlösungs-Dialektik sprechen. Und diese Form der Dialektik ist seit der Renaissance völlig in Vergessenheit geraten" (Dialektik für Manager, 14—17). Hier ist allerdings anzumerken, dass die Dialektik in der Studienkultur des 16./17. Jh. so überzeugend erneuert wurde, dass sie nach dem Urteil von Experten sogar die Hochscholastik deklassierte. Avantgarde waren hierbei die seinerzeitigen Elituniversitäten Salamanca und Löwen, deren Autoritäten, Standards und Spitzenprodukte auch von protestantischen Hochschulen wie Leiden, Jena, Halle und Rostock oder auch von Spinoza rezipiert wurden. Erst seit etwa 1760 bricht das Niveau ein, um in der Neuscholastik im binnenkirchlichen Raum der Theologie seit ca. 1870 wiederum eine Auferstehung zu erfahren, die erst in der 2. Hälfte des 20. Jh. zu Ende geht. Ich habe selbst 1977/78 die Logik erstmals anhand der von J. Bochenski moderierten Logikvorlesungen und -skripe der Universität Freiburg / Schweiz kennengelernt, die die dialektische Argumentationskultur durchaus immer noch vermittelten. Und das auf sehr hohem Niveau, wofür schon der weltweit geachtete Experte Bochenski bürgte.

Nach dieser Präzisierung zurück zum Thema. Lay stellt sein Dialektik-Textbuch unter drei "Regeln des Platon: [...] Sei alterozentriert! [= objektiv, gerecht] [...] Spreche die Emotionalität an! [...] Beachte die kommunikative Intention des oder der Partner!" (ebd. 19—22) Das Rhetorik-Handbuch Führen durch das Wort steht unter denselben Leitmotiven (vgl. dort 21—24) Diese Regeln sind nichts anderes als die zentralen Einsichten der Rhetorik, nicht nur bei Platon, sondern auch bei Aristoteles und Cicero. Sie werden in dem Grundsatz zusammengefasst, dem wir im Vorhergehenden regelmäßig begegnet sind: Rhetorik ist nicht nur logische Sachargumentation, sondern auch eine Sache der Glaubwürdigkeit des Sprechers und der emotionalen Einstellung der Zuhörer.