Dr. phil. Paul Natterer

Zum Begriff der Religionsphilosophie

Schleiermacher NetzReligionsphilosophie ist das Streben nach Weisheit im Bereich der Religion. Weisheit hat zur Voraussetzung einen wie auch immer zu bestimmenden ganzheitlichen Zugang zur Wirklichkeit insgesamt und damit schon von sich aus zum Unbedingten oder Göttlichen. Weisheit zielt somit auf ganzheitliche Realitätsdichte im Denken, Fühlen und Handeln und damit auf Wahrheit. [Bild rechts: Friedrich Daniel Schleiermacher, 1768-1834, Platonübersetzer, Theologe, Mitbegründer der Berliner Universität und enorm einflussreicher Religionsphilosoph im antirationalistischen Geist der Romantik: Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, 1799; zugleich der Vater des liberalen Protestantismus]

Genau das macht den Unterschied von Religionsphilosophie und Religionswissenschaft aus. Letztere ist nur und genau eine nicht wertende Beschreibung und sichtende Ordnung der tatsächlichen vielfältigen Erscheinungen, Ausprägungen und Entwicklungen von Religion. Religionsphilosophie ist dagegen unterscheidend (kritisch) und bewertend (normativ). Hierfür ist zweitrangig, ob sie nun aufbauend, kreativ vorgeht (rationale, konstruktive Religionsphilosophie) oder Ursprung und Natur bestehender Religionen erörtert und bewertet (positive, rezeptive Religionsphilosophie).

Das Verhältnis von Religionsphilosophie zur Theologie ist dagegen nicht anders denn als dialektisch zu bestimmen. Dies aus drei Gründen. Zum einen zielt auch Theologie auf Wahrheit der jeweiligen Religion. Zweitens beinhaltet Philosophie fast immer Religions- und Theologiekritik. Man denke nur an Sokrates und Platon. Und drittens traten nicht nur der Daoismus und Konfuzianismus, sondern auch die heute bedeutendste – auf Abraham zurückgehende – prophetische Religion nach eigenem Selbstverständnis und in der Außenwahrnehmung als Religionsphilosophie und -kritik in Erscheinung.

Religionsphilosophie des prophetischen Theismus

Ludwig feuerbach gemeinfreiIm letzten Satz des vorhergehenden Abschnittes wurde bewusst die Vergangenheitsform gewählt, da die Religion des prophetischen Theismus die Dimension souveräner Religionskritik und -philosophie seit Beginn der Neuzeit stetig verloren hat. Insbesondere Religionskritik erfolgte nun nur noch von außen qua feindliche Infragestellung der Religion, etwa bei Voltaire und Feuerbach. Im religiösen Binnenraum wurden dagegen seit Beginn der Moderne, also seit etwa 200 Jahren, zwei Zerfallsformen vorherrschend: einerseits Liberalismus, Subjektivismus, Agnostizismus, andererseits Autoritarismus, Traditionalismus, Fundamentalismus. Im religiösen Liberalismus und Subjektivismus scheint zwar in höchster Steigerung genau die Religionskritik und -philosophie vorzuliegen, die wir dem prophetischen Theismus der letzten Jahrhunderte abgesprochen haben. Dass und warum der Schein trügt, wird in dem Untermenu 'Erlösung' zur Verhandlung kommen. [Photo links: Ludwig Feuerbach, 1804-1872, Vordenker der atheistischen und kommunistischen Religionskritik und -philosophie des 19. Jh.]

Seit der 1968er Kulturrevolution beherrscht diese Spaltung und Lagerbildung zwischen religiösem Fundamentalismus einerseits und agnostischem und synkretistischem Liberalismus andererseits vollends das Bild. Nach den Maßstäben des prophetischen Theismus sind beides moralische Fehlhaltungen und religiöse Abwege. Innerhalb bestimmter Grenzen ist zwar religiöse (und politische) Parteibildung dieser Art zwischen Konservativen und Progressiven eine allgemeinmenschliche, soziologische Tatsache und findet sich überall und zu allen Zeiten. Amoralisch und irreligiös wird diese Lagerbildung bei vorsätzlicher Ignoranz (Dummheit) und rücksichtslosem Systemagententum (Ungerechtigkeit). Das heißt genau dann, wenn das Streben nach Weisheit missgünstig beurteilt und aufgegeben wird.

Im Menu Atheismusdebatte wurde bereits darauf hingewiesen, dass dies nicht zuletzt im Falle der größten und angesehensten (Römischen) Kirche des prophetischen Theismus ins Relief tritt. Auf der einen Seite machen gerade besonders reflektierte Vordenker und -kämpfer der integralen Glaubenstradition geltend, dass trotz vorhandener großer bis größter Gelehrsamkeit im Einzelnen seit dem 19. Jh. Autoritarismus (Klerikalismus) und unverstandener Traditionalismus die sittliche Eigenverantwortung und intellektuelle Überlegenheit minderten, insbesondere auch in der Führungsschicht. Dagegen entwickelte sich auf der anderen Seite seit dem Beginn des 19. Jh. der liberale Katholizismus und Modernismus, der in einem tendenziell unkritischen, gefühlsmäßig geprägten Fortschrittsglauben den Bannkreis der modernen liberalen Kultur suchte. Letztere Einstellung setzte sich trotz vehementer lehramtlicher Verurteilung auf dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) durch und führte zu einer tiefgreifenden, teilweise revolutionären Umgestaltung der Römischen Kirche mit starker Abwehr der traditionellen Identität zugunsten einer stark liberalistischen und interreligiösen Weltanschauung.

Konservative und fundamentalistische Gegenbewegungen und offizielle Stellungnahmen im eher traditionellen Sinn bestätigen die beschriebene tiefgehende Zwiespältigkeit und Lagerbildung. Ein ähnliches Bild zeigen fast alle auf den prophetischen Theismus zurückgehenden Religionsgemeinschaften.

Auf diesem Hintergrund scheint eine Darstellung der Religionsphilosophie orientierend und nützlich, welche die verdrängte und fast nur noch als historische Erscheinung wahrgenommene Religionsphilosophie und -kritik des ursprünglichen prophetischen Theismus zu Grunde legt und systematisch rekonstruiert. Dabei steht die in Folge zu rechtfertigende Überzeugung Pate, dass diese zum einen inhaltlich als Weisheitssuche ernst zu nehmen ist. Und dass sie zweitens auch methodisch einen Rahmen bietet, der anderen Traditionen insofern überlegen ist, als der Weg zur Weisheit hier – auch und vorrangig – über Wissen und Bildung geht: „Ihr Anfang ist aufrichtiges Verlangen nach Bildung [...] Sie lehrt Maß und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit ... die im Leben der Menschen nützlicher sind als alles andere [...] Stete Gemeinschaft mit ihr bringt Klugheit und das Zwiegespräch mit ihr Ruhm“ (Buch der Weisheit, 6, 17; 8, 7, 18). Eine jüngste Untersuchung hierzu ist Frank Ueberschaer: Weisheit aus der Begegnung. Bildung nach dem Buch Ben Sira [Jesus Sirach], Berlin / New York 2009, das mit dem programmatischen Satz beginnt: "Das weisheitliche Denken [der Bibel] ist Bildungsdenken." Und mit dem programmatischen Satz endet: "Doch liegt es bei allem Bemühen niemals an dem Schüler allein, zur Weisheit zu gelangen. Letztendlich ist es eine Hinwendung Gottes, die ihm den Zugang eröffnet, dann aber vor allem die Zuwendung der Weisheit selber, die ihrem Schüler begegnen muss [...] Dies macht das Herzstück des Bildungsansatzes Ben Siras aus: Sapientia occurrit! Die Weisheit begegnet ihrem Schüler - personal." (2009, 396) Die Weisheit spricht wie ein philosophischer Mentor, aber in transzendenter Vollmacht – als Umkehrpredigerin, Ratgeberin, Gastgeberin, als ewiger Logos (Vernunft resp. Wort Gottes), „die aus dem Mund des Höchsten hervorging“ (Jesus Sirach 24, 3). Es ist zweifellos nicht inkonsistent, sondern folgerichtig, wenn die Messianische Tora des Neuen Bundes diese Aussagen auf den Messias bezieht.

Diesen Sachverhalt veranschaulicht nach der Zeitenwende das bis heute maßgebliche Bildprogramm des Apsismosaikes der Basilika St. Pudentiana, der ältesten Kirche der Erde in der antiken Welthauptstadt Rom, in Antike und Mittelalter das erste Ziel der Romfahrer. Das Bild porträtiert den Messias alias die absolute Vernunft (Weisheit, Logos Gottes) als Lehrer der Philosophie und Moderator der menschlichen Zivilisation. Das messianische Reich - so die Botschaft - zielt auf Bildung und Ethik von ultimativer humaner und transhumaner Realitätsdichte sowie auf deren effektive globale Umsetzung.

Zum Hintergrund: St. Pudentiana ist die weltweit älteste christliche Kirche, die von Pius I. (140-155 n. C.) im Stadthaus des Römischen Senators Quintus Cornelius Pudens auf dem Viminal errichtet wurde, der zusammen mit seiner Gattin, zwei Söhnen und den Töchtern Pudentiana und Praxedis durch die Gründerväter der Römischen Kirche Petrus und Paulus Christ geworden war. Nach der sehr frühen und  archäologisch gestützten Ortstradition wohnte hier der Apostel Petrus, erster Bischof Roms 42-67 n.C., während sieben Jahren Jahre als Gastfreund von Senator Pudens, der in der Neronischen Santa Pudenziana Rome Netz defChristenverfolgung den Tod fand. Auch die Nachfolger Petri, die Römischen Oberhirten alias Päpste hatten in den ersten drei Jahrhunderten hier ihren Sitz, bis mit der von Kaiser Konstantin 312 n. C. gestifteten Lateranbasilika der verfolgten Untergrundkirche zum ersten Mal öffentliche Präsenz möglich wurde. Papst Siricius veranlasste um 391 n.C. einen Neubau, der - abgesehen von dem Mausoleum der Tochter Konstantins St. Costanza - das älteste und bedeutendste Apsismosaik Roms und der Welt bietet. Das Bildprogramm ist die seit 391 n. C. in Weltanschauung, Bildung, Ethik und Recht offiziell das Christentum verkörpernde römische Weltzivilisation: Das Mosaik zeigt sie als Organ der aus der Transzendenz kommenden Stadt Gottes, des neuen Jerusalem, d.h. der "einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche" (Glaubensformel von 325 n. C.). Umgeben vom Senat der Apostel in Senatorentoga, insbesondere den von Pudentiana und Praxedis (und/oder Personifikationen der Juden- und Heidenkirche) mit dem Siegeslorbeer bekränzten Apostelfürsten Petrus und Paulus, erscheint der Messias in goldener Toga als philosophischer Lehrer im nahöstlichen, möglicherweise portraitechten Typus. Sein Lehrstuhl ist der kaiserliche Thron des Weltherrschers (Pantokrator) [Bild oben, Ausschnitt]. Er verwirklicht das platonische Ideal des Philosophenkönigs, hinter sich das Kreuz als integraler Bestandteil theoretischer und praktischer Vernunft angesichts der misère de la condition humaine. Oder in den Worten Schopenhauers: Philosophie ohne Aszetik bzw. Kreuzeswissenschaft ist Windbeutelei.

Relevanz der prophetischen Religionsphilosophie

Diese im Alten und Neuen Testament vorliegende Religionsphilosophie des prophetischen Theismus ist nicht nur von akademischem Interesse. Im Gegenteil: Es scheint, dass sie ausdrücklich oder einschlussweise Tag für Tag stärker das Denken und Handeln bestimmt. Wieso? Nun, es ist nicht zu leugnen: Als politisch korrektes Hochziel des säkularen Deutschland und Westeuropas gilt inzwischen ein weitgehender Bevölkerungsaustausch mittels Einwanderung nach Millionen zählender Migranten jährlich aus dem Balkan, Nahen Osten und Nordafrika. Diese Agenda wird begleitet von - anders kann man es ebenfalls kaum nennen - pausenloser Medienpropaganda und Zensur unerwünschter Fakten: Unabhängige, ergebnisoffene Recherchen und kritische Stimmen werden tabuisiert und kriminalisiert.

Enthemmter Fundamentalismus

Zentraler Lebenssinn dieser strenggläubigen meist islamischen aber auch in beträchtlicher Zahl orthodox-christlichen Migranten ist die prophetische Offenbarungsreligion des Alten und Neuen Testamentes – alleine oder bei Muslimen in Verbindung mit dem von Christen nicht akzeptierten Koran. Auch Muslime anerkennen bekanntlich das Alte Testament und das Evangelium des Neuen Testamentes als verbindliche Offenbarung und den aus göttlicher Kraft übernatürlich gezeugten Jesus von Nazareth als prophetischen Lehrer und Moderator der Menschheit und endzeitlichen Richter aller Menschen inkl. aller Muslime. Dass dies in der Praxis meist ausgeblendet wird und dieselbe - teils ausgehend vom Koran, teils gegen denselben -  sogar von ganz anderen Motiven beherrscht sein kann und ist, zeigt die momentane radikalislamische Agenda zur Ausrottung des Christentums im Nahen Osten. Oder die in England wegen städteweiser Vergewaltigung und Zwangsprostituierung einheimischer Mädchen zum Staatsskandal gewordene Gewaltkriminalität islamischer Migranten. Es lässt sich auch nicht mehr vertuschen, dass zur Zeit in Deutschland wie in ganz Nord- und Westeuropa immer weitere Stadtviertel in zahlreichen Großstädten von Polizei, Justiz und Regierung aufgegeben und militanten Migranten überlassen werden. Dazu Miriam Shaded, die theologisch gebildete, syrisch-polnische Präsidentin der internationalen Hilfsorganisation Estera Fund für die Christen des Orients und trotz ihrer Jugend die medial präsenteste Persönlichkeit in Polen:

„Diejenigen, die am meisten Hilfe brauchen, sind die Christen […] Ich helfe den wirklich Verfolgten. Und das sind Opfer des Islam“, der „eine gefährliche Ideologie“ ist: „Ich kenne den Islam und deshalb verstehe ich, dass es sich in Wirklichkeit um eine Invasion handelt […] Ich halte die Flüchtlingsbewegung für gesteuert – von Leuten, für die diese Einwanderer Soldaten sind […] die anfangen werden, ihre gesellschaftlichen und religiösen Normen durchzusetzen […] Der Islam ist illiberal, er duldet keine Freiheit […] auch nicht für seine eigenen Leute […] Es gibt keine unfreiere und unglücklichere Person als die Frau im Islam […] Ziel des Islam ist es, Europa in Besitz zu nehmen [und] die Christen des Orients stehen davor, ausgelöscht zu werden. Für sie ist das, was sie derzeit erleben der Dritte Weltkrieg.“ (Interview JF, 04.12.15, S. 3: Es ist eine Invasion)

Kapitulierender Liberalismus

Das heißt: Die derzeit politisch gewollte Linie ist nicht der Absicht nach, aber der Sache nach die Ersetzung der gegenwärtigen westlichen säkularisierten Gesellschaft, deren Bevölkerung von der prophetischen Offenbarungsreligion apostasiert ist, durch eine neue integral religiöse Bevölkerung. Das tonangebende linksliberale Establishment, sekundiert vom "offenen Straßenterror" der Antifa-Miliz (OB Jung Leipzig), definiert die glaubensstarken und vitalen Männer und intakten Großfamilien der Zuwanderer als moralisch und weltanschaulich überlegenen Menschentyp gegenüber den sozial atomisierten, nichtssagenden und geschlechtsamorphen Apostaten des Westens. Das ist natürlich schizophren und grober Undank, denn Letztere sind die genauen Produkte der linksliberalen Erziehung. Jetzt stehen sie als minderbemittelte Trottel da, die zum Takt blinder Blindenführer trippelnd in die Grube stürzen. Und ihrer Asche in den Ürnchen einer modischen Grablege-Batterie weint man erfahrungsgemäß ebenfalls keine Träne nach: "Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich, doch klanglos geht das Gemeine zum Orkus hinab." (Schiller: Nänie)

Für jene, die nicht nur in Osteuropa, sondern auch im Westen des Kontinents ihre Knie nicht vor Baal gebeugt haben, mag daher der Vorgang einer weltgeschichtlichen Ironie nicht entbehren: Der letzte Akt der aus der religionsfeindlichen Aufklärung hervorgegangenen säkular-liberalen Gesellschaften des Westens ist die Bitte um den Gnadenstoß durch eine neue religiöse Zivilisation. Es ist kein Zufall, dass die im ungebrochenen Glauben der Katholizität und Orthodoxie stehenden osteuropäischen Staaten und Regierungen sich trotz massivstem Druck seitens EU, USA und Vertretern der Israel-Lobby wie George Soros nicht nur nicht an diesem kontinentalen Bevölkerungsaustausch beteiligen, sondern diesem auch verständnislos gegenüberstehen. Ihr Glaubenssystem deutet die Ignorierung und beginnende Unterdrückung der Völker Europas durch die Fremdeninvasion als ein transzendentes Strafgericht über Dummheit, Verderbtheit und Apostasie: "Sie sind korrupt. Ihr Sinnen und Trachten ist abscheulich. Keiner handelt sittlich hochwertig [...] ist intelligent oder sucht Gott. Alle sind abgefallen, zu nutzlosen Versagern mutiert." (Psalm 13, 2-4, Anfang und Leitmotiv des Stundengebetes der Römischen Kirche an Montagen). Auch das Glaubenssystem der einwandernden Völker lässt sie spontan und selbstverständlich dieselbe Perspektive einnehmen: Für die Radikalen unter ihnen sind die materialistischen nachachtundsechziger Europäer letztlich nichts anderes als zur Unterwerfung reifer oder zu entsorgender Hominidenmüll.

Postulat religiöser Exzellenz

Frau Angela Merkel forderte im September 2015 in Bern die verstörte Bevölkerung Deutschlands und der Schweiz zur Bekehrung auf, "uns zu unserer Religion zu bekennen" bzw. "den Mut zu haben, zu sagen, dass wir Christen sind", regelmäßig "in einen Gottesdienst zu gehen" sowie "bibelfest zu sein" verbunden mit angemessener "Kenntnis über das christliche Abendland". Wir sollen, so Merkel, unsere Religion "ausüben und an sie glauben", und so fähig werden, uns dem Dialog mit dem Islam zu stellen. Der bisherige Gesamteindruck ihrer Regierung ließ diesen Aufruf nicht erwarten, im Gegenteil. Von oben skizziertem Glaubensstandpunkt aus mag man daher sagen, dass sie "nicht aus sich selbst, sondern aus prophetischer Eingebung" redete, nicht "weil sie Hoherpriester", wohl aber in analoger Weise Bundeskanzlerin "jenes Jahres war" (vgl. Johannesevangelium 11, 51). 

Dazu der prominenteste islamische Konvertit der Gegenwart, der in direkter Linie von Mohammed abstammende Prinz Muhammad Moussaoui aus Bagdad, designiertes Oberhaupt des irakischen Moussaoui-Stammes aus dem Clan der Haschimiten, der die traditionellen Königsfamilien Arabiens, Iraks und Jordaniens stellt(e): Das Hauptproblem der Muslime ist (i) religiöse Ignoranz bezüglich des Koran, der zwar mechanisch auswendig gelernt, aber nicht inhaltlich reflektiert wird, wodurch dessen religionsphilosophische Unhaltbarkeit sofort ins Relief tritt. Und (ii) Ignoranz bezüglich der theoretisch anerkannten Bibel, deren auch praktische Kenntnisnahme er mit seiner Familie als befreiende Offenbarung erfahren habe. Er hält es für die säkulare Aufgabe der Christen, aus ihrer apostatischen Lethargie aufzuwachen und in einem zielklaren Dialog Muslimen bei der Überwindung dieser doppelten Ignoranz behilflich zu sein. Vgl. den autobiographischen Bericht des heutigen Christen und Katholiken mit dem neuen Namen Joseph Fadelle, dessen Konversion eine unterschwellige Staatskrise mit zwei Attentaten erzeugte: Le Prix à Payer, Paris 2010 [dt.: Das Todesurteil - Als ich Christ wurde im Irak, Augsburg 2011].

Dass Moussaouis Appell kein abstraktes Wunschdenken ist, zeigt die derzeitige lawinenartige Konversion von erwachsenen Muslimen zum Christentum aufgrund des Kontaktes mit Christen und dem Evangelium - trotz sozialer Diskriminierung und Bedrohung von Freiheit und Leben: In Afrika "konvertieren jede Stunde 667 Moslems zum Christentum, 16.000 jeden Tag, sechs Millionen im Jahr“ (Scheich Ahmad Al-Qataani: Al-Jazeera 12/2001). Selbst in den islamischen Kernstaaten Algerien und Marokko liegen die Zahlen bei jeweils 100.000 Neuchristen, im radikalislamischen Sudan trotz Scharia bei 1 Million seit dem Jahr 2000. In Ägypten hat die Zahl islamischer Konvertiten, die wegen staatlicher Unterdrückung den christlichen Glauben heimlich praktizieren, mehrere Millionen erreicht (Prof. Mohamad Rahouna, Sprecher der Hilfsorganisation Freed by Christ). In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bekehrten sich zwei Millionen Muslime zum Christentum (Roman Silantjew, Sekretär des Russischen Interreligiösen Rats). In Pakistan spricht man von einer bisher 3 Millionen Muslime erfassenden Konversionsexplosion; in Malaysia haben 250.000 Moslems offiziell den Antrag auf Religionswechsel zum Christentum gestellt; im Iran wächst das Christentum jährlich um 20 %, was geschätzte 1 Million Neuchristen pro Jahrzehnt bedeutet. In Westeuropa sind 15 % der eingewanderten Muslime Christen geworden, in Großbritannien und Frankreich entscheiden sich jährlich ca. 15.000 Muslime zu diesem Schritt, so der Religionssoziologe und italienische Regierungsberater Massimo Introvigne. In Berlin und Hamburg berichten Fernsehen und Zeitungen von vollen Kirchen aufgrund iranischer und afghanischer Konvertiten. Der Missionswissenschaftler Wolfgang Simson zu dieser in der 1400-jährigen Geschichte des Islam unvorstellbaren Entwicklung: „In den vergangenen zwei Jahrzehnten kamen mehr Moslems zu Christus als in allen Jahrhunderten zuvor“. Experten wie Introvigne analysieren die massive Zunahme islamischer Gewalt auch als "Schlacht darum, ob die Welt moslemisch oder christlich sein wird", gespeist von der Angst, dass im weltweiten Maßstab "der Islam dabei ist, diese Schlacht zu verlieren".

Immunschwäche und Demenz apostatischer Gesellschaften

Die in Rede stehende geopolitische Agenda birgt bekanntlich unabsehbare volkswirtschaftliche und sicherheitspolitische Risiken bis zu - seitens EU und angloamerikanischen NROs offiziell angestrebten - staatlichen Destabilisierungs- und Untergangszenarios. Das soll an dieser Stelle nur soweit für die religionsphilosophische Evaluation relevant diskutiert werden (siehe ansonsten dazu das Menu: Studium generale). Die Risiken ergeben sich bereits daraus, dass eine staatliche Kontrolle, Steuerung und Ordnung der in Rede stehenden Migranteninvasion allem Anschein nach bewusst verhindert wird, die letztlich Entscheidenden also Subversion und Anarchie fördern. Mitarbeiter des Roten Kreuzes in einem Aufnahmelager des Odenwaldes erzählten mir mehrfach, dass Dreiviertel der Migranten sich binnen 24 Stunden per Mobiltelefon, PKW und Taxi aus den Zubringerbussen und Aufnahmeeinrichtungen absetzen und untertauchen. Die Risiken ergeben sich ferner daraus, dass die Migranteninvasion gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit erfolgt, also undemokratisch, sowie unter dem unaufhörlichen Bruch nicht nur zahlloser Gesetze, sondern darüber hinaus der Verfassungen und des Völkerrechtes, also diktatorisch. Die Asylgesetzgebung der EU - das sog. Dubliner Abkommen - scheint nur dazu da zu sein, um von allen beteiligten Akteuren außer Ungarn mit Füßen getreten zu werden. Man kann dem langjährigen Minister- und Staatspräsidenten Tschechiens Vaclav Klaus kaum widersprechen, der am 18.01.2016 in Wien sagte:

"Die heutige Migrationswelle ist kein Zufall und keine gewöhnliche Migration, welche wir von der Geschichte her kennen [...] Die gleichzeitige massive Migration wurde von den europäischen politischen Eliten verursacht und ins Leben gerufen [...] Sie wollen ein neues Europa und dazu brauchen sie ...  Leute, die keine tiefe Wurzeln in den alten europäischen Ländern haben": Es ist ein "Krieg der europäischen politischen, intellektuellen und medialen Eliten mit der Mehrheit der europäischen Bevölkerung um die Zukunft Europas, um die Erhaltung der europäischen Kultur, der Zivilisation, des Lebensstils und der Religion." (13. Vienna Congress Com.Sult, 18./19.01.2016)

Zentral ist dabei die Tabuisierung und Ächtung der Begriffe Volk und Nation zugunsten einer kosmopolitischen gemischtrassigen, multikulturellen und interreligiösen Bevölkerung, deren Solidarität fragmentierten und sich bekämpfenden Gruppenidentitäten gilt, die kulturgeschichtlich im Falle der Gender-Politik zudem als unmoralisch qualifiziert sind. Die vorbehaltlose Unterstützung der diesem Ziel dienenden Massenimmigration wird auch und besonders von den offiziellen Kirchenvertretern als christliches Gebot bezeichnet. Das ist zwar zeitgeistkonform. Religionsphilosophisch gesehen werden dadurch die Dinge allerdings auf den Kopf gestellt. Denn es ist Fakt, dass alle bekannten Stammeskulturen und Hochkulturen und näherhin alle Epochen der europäischen messianischen (christlichen) Zivilisation diese Agenda als widergöttlich, selbstzerstörerisch und ja, diabolisch betrachten würden. Für Hammurabi, Mose, Elijah, David, Jeremia, Platon, Aristoteles, Scipio, Cicero, Laotse, Konfutse wäre es Wahnsinn. Ebenso für Paulus, Augustinus, Gregor den Großen, Karl den Großen, Thomas von Aquin, Suarez, Grotius, Locke, Leibniz, Hume, Kant, Burke, Bismarck, Adenauer usf. Warum, das erläutert das Rundschreiben Pius XI. Mit brennender Sorge von 1937, die gründlichste und autoritativste Untersuchung und Einordnung der Begriffe Volk und Nation vom christlichen Standpunkt.

Das Schreiben verurteilt einerseits moralisch ungebundenen und Rechte anderer Nationen nicht achtenden Nationalismus. Andererseits lehrt es, dass "alle Völker und Nationen" gottgesetzte soziale Organismen sind. Und zwar mit "von Gott dem Schöpfer und Erlöser ... in die Volksgemeinschaften hineingelegten besondren Eigenschaften, Vorzügen, Aufgaben und Berufungen." (E. Marmy (Hrsg.): Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau. Dokumente, Freiburg/Schweiz, 1945, 219) Deren "gottgemäße Entfaltung" ist ein Natur- und Menschenrecht. Hierbei ist die "Beobachtung der 10 Gebote Gottes und der Kirchengebote ... als Ausführungsbestimmungen zu den Normen des Evangeliums [...] eine unvergleichliche Schule planvoller Selbstzucht, sittlicher Ertüchtigung und Charakterformung des Einzelnen [... und] der Volksgemeinschaft" und ein unersetzliches Immunsystem "zersetzenden Kräften" gegenüber (227-228). Es ist natürlich und selbstverständlich, so der Text, dass "das freudige und stolze Vertrauen auf die Zukunft seines Volkes ... jedem teuer ist" (ebd. 225).

Das europäische Kernland spielt hier eine zentrale und besonders aufschlussreiche Rolle: Nach dem geltenden EU-Recht des Dublinabkommens von 2014 ist die Zahl legitimer und legaler Asylanten in Deutschland = 0. Tatsächlich ist Deutschland jedoch ein identitäts- und gesetzloses Vakuum im kollektiven Suizid, dessen Unterdruck illegale Migranten und Kolonisatoren aller Couleur von der Oberfläche des Globus ansaugt - unter dem jubelnden Delirium des politischen, medialen und gleichgeschalteten kirchlichen Establishments, das in der - so in greifbare Nähe rückenden - Selbstabschaffung des Landes und Volkes ein positives Ziel sieht. Vom Standpunkt des prophetischen Theismus sind wir im Moment tatsächlich Zeugen des Unterganges des seit 1781/89 [Josephinismus: absolutistische Staatskirche plus Apostasie der maßgeblichen politischen und kirchlichen Führung zur Freimaurerei] / 1804 [Säkularisation: Vernichtung der spirituellen Infrastruktur, des Bildungswesens und der Elitehochschulen des Israel Gottes] / 1806 [Apostasie vom Sacrum Romanum Imperium] in einem genau zu definierenden Sinn apostatischen und Jahrzehnt für Jahrzehnt immer stärker säkularisierten, agnostischen und atheistischen Deutschland (siehe zum Hintergrund die Analyse Friedrich Schlegels in Folge und das Menu Erlösung).

Über die Identität und das Leben Deutschlands als Träger des Sacrum Romanum Imperium und jahrtausendelanger Kernraum des prophetischen Theismus vor und nach dieser 200-jährigen Periode der Apostasie ist damit überhaupt nichts gesagt. Der gesamte Duktus der prophetischen Schriften der Bibel und die Weltgeschichte der christlichen Ära legen hier nahe, dass der mentale und institutionelle Untergang der von Gott apostasierten Schutzmacht des neutestamentlichen Israel Gottes und der menschlichen Zivilisation ein transzendentes Gericht ist. Ein Gericht über apostasierte Bevölkerungsschichten, denen die politisch-theologische Mission des Sacrum Romanum Imperium zur Denkunmöglichkeit wurde. Und zwar ein Gericht in der Größenordnung des Unterganges des ebenfalls von Gott apostasierten alttestamentlichen Israels 587 v.C. mit der folgenden Babylonischen Gefangenschaft. Die damaligen, dem Propheten Jeremia zugeschriebenen Klagelieder sind für den nach den Kriterien des prophetischen Theismus zukunftsfähigen, weil nicht apostasierten Teil des Volkes jahrtausendealtes Leitmotiv der Liturgie der Karwoche. Jetzt sind sie für denselben auch Kommentar zur Zeitgeschichte:

"Weh, wie einsam sitzt da die einst so volkreiche Stadt. Einer Witwe wurde gleich die Große unter den Völkern. Sie weint und weint des Nachts, Tränen auf ihren Wangen [...] Untreu sind all ihre Freunde, sie sind ihr zu Feinden geworden [...] Ihre Bedränger sind an der Macht, ihre Feinde im Glück [...] Die Feinde sahen sie an, lachten über ihre Vernichtung. Schwer gesündigt hatte Jerusalem, deshalb ist sie zum Abscheu geworden [...] Der Bedränger streckte die Hand aus nach all ihren Schätzen [...] Aus der Höhe sandte der Herr Feuer, in meine Glieder ließ er es fallen [...] Er machte mich zunichte und siech [...] Schwer ist das Joch meiner Sünden, von seiner Hand aufgelegt. Sie stiegen mir über den Hals; da brach meine Kraft. Preisgegeben hat mich der Herr, ich kann mich nicht erheben [...] Er, der Herr, ist im Recht. Ich habe seinem Wort getrotzt." (Klagelied 1)

"An Ausländer fiel unser Erbe, unsere Häuser kamen an Fremde [...] Wir werden getrieben, das Joch auf dem Nacken [...] Frauen hat man geschändet in den Städten [...] Fürsten wurden von Feindeshand gehängt, den Ältesten nahm man die Ehre." (Klagelied 5)

Geschichtstheologische Gerichte im Fokus der Bibel

Die Instrumentalisierung von Imperien, Staaten und Völkern für theologisch und ethisch motivierte Strafgerichte ist in Tora (Bücher Mose) und Tanakh (Altes Testament) eine allgegenwärtige und essentielle Konstante. In den Schriftpropheten machen die Gerichtsreden über Israel und Juda und die sog. Worte gegen die Fremdvölker 75 % der Texte aus. Sie sind zentrales Thema nicht nur in Deuteronomium und Josua, sondern in allen späteren Jahrhunderten, von den früheren Propheten (z. B. Elija und Elischa) des 9. Jh. v. C. angefangen, über alle großen Schriftpropheten des 8. bis 6. Jh. v. C. bis zu Maleachi nach dem Exil und dessen Ansage des Tages JHWHs, also der messianischen Ära, als eines ultimativen Gerichtes. Im Neuen Testament stehen die Gerichtsreden Jesu und die Apokalypse in dieser Perspektive (ausführlich dazu das Menu Propheten). Dabei zeigen Jeremias Worte gegen Babel prägnant die historische Dialektik der einerseits theologischen Inanspruchnahme von politischen Mächten und ihres demographischen und militärischen Potenzials als „Hammer Gottes“, welcher Hammer aber selbst in der Regel wegen Hybris, Brutalität und Amoralität dem Gericht verfällt (Jeremia 51, 20–26): „Du warst mein Hammer, meine Waffe für den Krieg. Mit dir zerschlug ich Völker, mit dir stürzte ich Königreiche […] Aber ich übe Vergeltung an Babel [resp. an der antichristlichen Hure Babylon unserer Ära] […] für alles Böse, das sie an Sion [resp. am christlichen Sion unserer Ära] vor euren Augen verübten […] Nun gehe ich gegen dich vor, du Berg des Verderbens, der die ganze Erde verdarb – Spruch des Herrn. Ich strecke meine Hand gegen dich aus … und mache dich zum ausgebrannten Berg [...] – Spruch des Herrn.“

Mit anderen Worten: In der geschichtstheologischen Glaubenslogik des prophetischen Theismus alias der Bibel folgt die hier in Rede stehende Geistesverwirrung, Erniedrigung und Zerrüttung sowie finanzielle Ausplünderung Deutschlands und Europas aus dem zentralen "Geschichts- und Glaubensgrundsatz, dass die Ausrichtung an der Tora [Gesetz Gottes], besonders am Hauptgebot ["Ich bin der Herr, dein Gott: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!"], über das Glücken oder Scheitern des Einzelnen und der Gemeinschaft entscheidet“ (Zenger, E. / Fabry H.-J. / Braulik, G. et al.: Einführung in das Alte Testament, Stuttgart 72008, 260): "Wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst [...] schenkt dir der Herr Gutes im Überfluss [...] Der Herr macht dich zum Kopf und nicht zum Schwanz. Du kennst nur den Aufstieg, du kennst keinen Abstieg." (Deuteronomium 28). Hingegen im Falle der Apostasie: "Verfluchtsein, Verwirrtsein, Verwünschtsein lässt der Herr auf dich los [...] Deine Wege führen nicht zum Erfolg. Dein Leben lang wirst du ausgebeutet [...] Weil du dem Herrn, deinem Gott, nicht gedient hast aus Freude und Dankbarkeit dafür, dass alles in Fülle da war, musst du deinen Feinden dienen" (ebd.). Für eine religionsphilosophische Bewertung und Einordnung dieser Segens- und Fluchformeln siehe das E-Buch: Späte Bronze- und frühe Eisenzeit in der Tora: Exodus und Landnahme.

Sozialwissenschaftliche Bestandsaufnahme

Vom biblischen Standpunkt war in den Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg - nach einer einzigartigen materiellen wie moralisch-religiösen Wiederaufbauleistung unter schwierigsten Bedingungen - tatsächlich noch einmal "alles in Fülle da" (die Klassenphotos der 1950er bis frühen 1970er Jahre zeigen entspannte und fröhliche Kinder und Jugendliche wie zu keiner anderen Zeit). Das Potential zur globalen Ausbreitung dieses dynamischen, vom prophetischen Theismus inspirierten Geistes war durchaus gegeben. Nicht gegeben waren dagegen kompromisslose spirituelle Wachsamkeit und der effektive Wille zur planvollen, langfristigen intellektuellen wie medialen Hegemonie, so dass man sich - von seinem bisherigen Weltbild aus gesehen - binnen weniger Jahre durch die Mächte des Bösen einschüchtern und zur Apostasie übertölpeln ließ und so die Erfahrung machte: "Wenn der Zügel zerbrochen ist, mit dem die Menschen auf den Pfaden der Wahrheit gehalten werden, dann stürzt ihre ohnehin zum Bösen geneigte Natur rasend schnell in den Abgrund" (Gregor XVI).

Es entstand ein Klima, in dem „die kritische Diskussion ... mit Tabus belegt [ist,] der Obskurantismus blüht, ebenso die Feigheit und der Konformismus“, so mein früherer Kollege für Wissenschaftstheorie an der Universität Trier, Professor Gerard Radnitzky, in seinen Memoiren (Das verdammte 20. Jahrhundert, Hildesheim / Zürich / New York 2006, 325). Radnitzky war der vielleicht profilierteste und sicher der kompromissloseste Vertreter des Kritischen Rationalismus, den ich kenne. Er war nicht nur persönlich mit Karl R. Popper, I. Lakatos und P. Feyerabend eng befreundet, sondern auch der international anerkannte Vordenker und Repräsentant der sozialwissenschaftlichen Popperschule. Für den souveränen Moderator des Konfliktes der 60er/70er Jahre zwischen Frankfurter Schule und Kritischem Rationalismus war es „ein interessantes Schauspiel ... zu beobachten“, wie „eine Nation ... versucht, sich selbst auszulöschen“ (2006, 334), in der „die Massenmedien versuchen, einen Selbsthaß zu erzeugen, der in der Geschichte beispiellos ist“ (2006, 317), in welcher „die Kriegspropaganda der Sieger Eingang in die Schulbücher des besiegten Landes gefunden hat und ... als Staatswahrheiten geglaubt werden“ (2006, 30) sowie "geschichtliche Aussagen nicht danach beurteilt werden, ob sie wahr oder falsch sind, sondern danach, ob ihr ... Effekt ... erwünscht ist" (319). Er empfand deswegen „gegenüber ... der BRD ... nur Abstand bis Abscheu“ (ebd. 329) und forderte energisch die Aufarbeitung dieses neurotischen Obskurantismus zwecks Wiedergewinns psychischer Reife und Souveränität: "Wenn die Wahrheit eines Satzes - im Sinne der zutreffenden Darstellung - mißachtet, durch Wirksamkeit oder Konsens ersetzt wird, geht auch bald die Freiheit verloren." (320)

Eine solche Aufarbeitung kann von der Einsicht ausgehen: Das in Rede stehende Gerichtshandeln Gottes ist in theologischer Perspektive in aller Regel zugleich Läuterung und Vorbereitung für einen neuen Anfang, dessen zunächst äußerlich unscheinbares Wachstum parallel geht mit der letzten ultimativen Machtentfaltung des Alten. Diesem neuen Anfang galt in vorliegendem Fall die bekannte Segensbitte Stauffenbergs für das "heilige Deutschland", sein letztes Wort vor der Hinrichtung. Ähnlich das Fazit der theologischen Evaluation des Nationalsozialismus durch die Römische Kirche: Es "wird der Tag kommen, wo ... das deutsche Volk ... in leidgeläutertem Glauben sein Knie wieder beugt vor dem König der Zeit und Ewigkeit, Jesus Christus, und daß es sich anschickt, im Kampf gegen die Verneiner und Vernichter des christlichen Abendlandes, in Harmonie mit allen Gutgesinnten anderer Völker, den Beruf zu erfüllen, den die Pläne des Ewigen ihm zuweisen." (Pius XI: Rundschreiben Mit brennender Sorge vom 14.03.1937. In: E. Marmy (Hrsg.): Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau. Dokumente, Freiburg/Schweiz, 1945, 237). Scheinbar entgegenstehende äußere Machtverhältnisse oder quantitative Missverhältnisse sind hier nicht nur irrelevant, sondern nach den prophetischen Schriften des Alten und Neuen Testamentes sogar Bedingungen der Epiphanie und des souveränen Heilshandelns des Ewigen. 

Gotteslästerung und Gottesraub

Das uns beschäftigende Thema hat in der Perspektive des prophetischen Theismus schließlich noch eine weitere und zwar unmittelbar metaphysische oder besser: theologische Dimension. Sie ist für die meisten Menschen des 21. Jh. sehr voraussetzungsreich. Sie kann - unabhängig von der eigenen schlussendlichen Stellungnahme - nur nachvollzogen werden, wenn man sich mit dem gesamten Stoff auseinandersetzt, wie er etwa auch in diesem Menu zur Religionsphilosophie zur Verhandlung kommt. Diese theologische Dimension ist unabhängig von Tun und Lassen und Glauben oder Unglauben der (Ex-)Gläubigen. Es handelt sich vielmehr um die ethische und theologische Bewertung von Angriffen der Mächte der Finsternis auf Gott und die von ihm gesetzten Institutionen. Dazu dieser Hintergrund: Auf unserem religionsphilosophischen Gang durch das weltanschauliche Universum des prophetischen Theismus werden wir uns immer wieder mit zwei Überzeugungen beschäftigen müssen, die das Bewusstsein der größten Religion der Erde während zweier Jahrtausende prägten. Beide Überzeugungen sind im Laufe der vor 200 Jahren einsetzenden Apostasie aus dem Mittelpunkt des öffentlichen Bewusstseins an dessen Rand gewandert und über denselben hinaus in die Tabuzonen des öffentlichen Diskurses.

Die erste Überzeugung ist, dass das Christentum in Gestalt der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche – eine auch von Protestanten stets bekannte Formel - die Institution des Messias und damit der Sinn der Erde ist. In dem bekannten Wort Paul David Drachs (1791-1868), Direktor der Pariser Talmud-Akademie, Schwiegersohn des Großrabbiners von Frankreich und dessen designierter Nachfolger: „Die heilige und wirkliche Religion Israels kann nur die katholische, apostolische und römische Religion sein [...] Die katholische, apostolische und römische Religion ist jene unserer Vorfahren, welche ihre letzte Entwicklung beim Kommen Unseres Herrn Jesus Christus erhielt. Er ist der soviele Male unserer Nation verheißene [...] und bis in die kleinsten Einzelheiten vorhergesagte Messias“ (Lettre d'un rabbin converti aux Israélites, ses frères, sur les motifs de sa conversion, Paris 1825, 1).

Die zweite Überzeugung der öffentlichen Meinung wie der Eliten zweier Jahrtausende ist die theologisch-politische Annahme, dass das der Heiligen Römischen Kirche / Sancta Romana Ecclesia (SRE) partnerschaftlich zugeordnete Heilige Römische Reich / Sacrum Romanum Imperium (SRI) die politische Sphäre des neutestamentlichen Israel ist, das die nationalen Regierungen und Staaten durch eine koordinierende und höherrichterliche Funktion ergänzt. Erkenntnis- und handlungsleitend sind hierfür nicht zuletzt die geschichtstheologischen Visionen des Buches Daniel (Kap. 2 und 7) zum Römischen Reich als dem letzten, definitiven und prototypischen Weltreich, das in einem säkularen Ringen gegen den Messias kämpft, von ihm besiegt wird und sich in den Dienst des messianischen Reiches, d.h. des christlichen Israel, stellt: "O Gott, du hast das römische Kaisertum gegründet, damit das Evangelium des ewigen Königs verkündet werde." (Messe für den Römischen Kaiser, Schlussgebet) Das Heilige Römische Reich definiert sich als Vormacht und Leitkultur der vereinten Nationen des christlichen Israel in der rechtlichen, politischen, militärischen und wirtschaftlichen Sphäre. Der christliche Römische Kaiser ist Sachwalter und Repräsentant des Messias, der „König der Könige“ (Apokalypse 19, 16) und „Herr der Zeiten und Epochen“ (Osternachtritus) ist. Wie der jeweilige Bischof von Rom der spirituelle Moderator des christlichen Israel ist, so ist der jeweilige König von Deutschland als gleichzeitiger Römischer Kaiser der politische Moderator des christlichen Israel. Beim Krönungsritus in Rom, der Hauptstadt des SRI resp. in Frankfurt am Main, der Hauptstadt des deutschen Reiches, wurde der König mit den priesterlichen Gewändern bekleidet, mit Chrisam gesalbt und erhielt aus der Hand der Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier während der Hl. Messe die Staatsinsignien. 

Es bedarf nun keiner Begründung, dass in der säkularisierten westlichen Welt nur und genau zwei Institutionen Objekt singulärer Hasspropaganda und moralischen oder physischen Vernichtungswillens waren und sind: die Heilige Römische Kirche (SRE) und das Heilige Römische Reich resp. Deutschland (SRI). Und zwar ab dem Protestantismus, der 1517–1615 beide Institutionen in einem 100-jährigen rhetorischen und literarischen Krieg „von einer Bitterkeit und Gehässigkeit ohne Gleichen in der Geschichte irgend eines Volkes“ zu ächten und durch Bürgerkrieg und Hochverrat zu vernichten suchte (J. Janssen: Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters, Bd. V, Freiburg/Straßburg/München/St. Louis 1886, 306 und überhaupt 1-395; siehe das Menu Erlösung). Beide Institutionen verkörpern nach dem im Vorhergehenden Gesagten das messianische Reich als authentische Religion und Gottesverehrung und die neue ideale Ära rechtschaffener Nationen.

Schmähung, Hass und Zerstörungswille gegen diese Institutionen und die von ihnen geschaffene Zivilisation sind daher — immer in dieser theologischen Perspektive — Gotteslästerung (Blasphemie) und Frevel gegen das 2. Gebot Gottes: "Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren!" Sie sind auch Gottesraub (Sakrileg) an sakralen, d.h. von Gott gesetzten bzw. in seinem Dienst stehenden Institutionen und damit ein Frevel gegen das 3. Gebot Gottes: "Gedenke, dass du den Sabbat [resp. alle im Dienst Gottes stehenden Institutionen] heiligst!" Die Bibel des Alten und Neuen Testamentes lässt keinen Zeifel daran, dass dies ultimative Frevel und Herausforderungen Gottes selbst sind, die keinesfalls unbeantwortet bleiben, was Thema der Psalmen 2, 83 und 110 ist.

Die Theologie und Liturgie der neutestamentlichen, messianischen Zivilisation transportiert dieselbe Botschaft. So beschließt der Psalm 83 (82) im Stundengebet der Römischen Kirche an Freitagen die Matutin. Dessen Kernaussagen sind: "Gott, deine Feinde toben, die dich hassen, erheben das Haupt. Gegen dein Volk entwickeln sie tückische Pläne, eine Agenda der Vernichtung. Die feindlichen Nationen konstituieren einmütig einen Rat, sie bilden eine Allianz gegen dich [...] Mache es mit ihnen wie mit Madian [unterdrückende Fremd- und Besatzungsmacht, siehe Buch der Richter 6-8] und Sisara [militärischer Führer krimineller inländischer Parallelkulturen, siehe Richter 4-5], wie mit Jabin [König von Hazor, dem Aktionszentrum der das Land beherrschenden Parallelgesellschaften, Richter 4, 23-24] ... sie wurden zum Dung für die Äcker. Bereite ihren Führern das Schicksal von Oreb und Zeb [Heerführer Madians, siehe Richter, 7, 25], und Sebee und Salmana [Könige Madians, Richter 8, 10-21] ..., die sagten: Das Heiligtum Gottes soll uns gehören. Mache aus ihnen Disteln und Spreu vor dem Wind! Komme wie ein Waldbrand und Feuerorkan über sie! [...] Sie sollen erröten und verstört sein in alle Ewigkeit, moralisch vernichtet werden und untergehen. Dann werden sie erkennen, dass du der Herr über der Erde bist. Und zwar der einzige." In einer säkularisierten Gesellschaft sind dies natürlich fremde und unerhörte Konzepte. Aber sie zählen tel quel zu Geist und Buchstaben der 10 Gebote und damit zum innersten Kern des prophetischen Theismus. Und die Frage, die uns beschäftigt, ist eben nicht zuletzt jene, ob die säkularisierte Gesellschaft Recht hat, ob sie rational, ethisch und zivilisatorisch gerechtfertigt werden kann (siehe nächster Abschnitt).  

Der Atheismus ist unerträglich geworden

Angesichts der neuen Faktenlage müssen sich religionsphilosophische Analysen und Initiativen daran messen lassen, inwieweit sie der Aufgabe gerecht werden, die alte apostasierte, d.h. mehr oder minder glaubenslose, Altbevölkerung kompetent und verantwortungsbewusst über das religiöse Profil der Zukunft aufzuklären. Dass hier - auch vom politisch korrekten Denken aus gesehen - ein zentrales Desiderat liegt, zeigt das Anfang 2015 erschienene Erfolgsbuch Soumission [dt: Unterwerfung] des französischen Autors Michel Houellebecq. Zu dem „in diesen Tagen meistdiskutierten Roman Europas“ (WDR 3, 20.01.2015) haben sowohl der französische Staatspräsident Francois Hollande wie auch Ministerpräsident Manuel Valls öffentliche Stellungnahmen abgegeben. Der atheistische, nihilistische und obszöne Popstar der Single-Generation Houellebecq dokumentiert in diesem Buch seine grundsätzliche Bekehrung zur Religion und analysiert den Westen als sinnentleerten Konsumismus, Materialismus, Pornographie ohne geistiges Immunsystem und Selbstbehauptungswillen: „Ich glaube, es gibt ein echtes Bedürfnis nach Gott, und dass die Rückkehr des Religiösen kein Slogan ist, sondern eine Realität, die uns nun gerade mit erhöhter Geschwindigkeit einholt [...] Hinter die Philosophie der Aufklärung kann man ein Kreuz machen: verstorben [...] Sie kann nichts erschaffen, nur Nichts und Unglück.“ [Interview in Die Welt, 03.01.2015] Und: „Das Leben ist ohne Religion über alle Maßen traurig [...] Ich richte mich auch nur gegen die französische Aufklärung, Voltaire, Diderot, die konnten nicht scharf denken, viel zu viel Rhetorik, die sind eher Polemiker als Philosophen. Kant war schwer in Ordnung [...] Es geht nicht ohne Religion [...] weil ich überzeugt bin, dass im Grunde nur Zivilisationen überleben können, die auf einer Religion fußen.“ (Interview in SZ, 22.01.2015) Positiv gewendet: „Das Zeitalter der Revolution und der Aufklärung wird von einem neuen religiösen Zeitalter abgelöst werden [...] Eine Gesellschaft ohne Religion ist nicht überlebensfähig. Der Laizismus [= religionsloser Staat], der Rationalismus und die Aufklärung, deren Grundprinzip die Abkehr vom Glauben ist, haben keine Zukunft [...] Jedes Mal, wenn ich auf eine Beerdigung gehe, spüre ich, dass der Atheismus unserer Gesellschaften unerträglich geworden ist.“ (Interview in Die Zeit 4/2015, 23.01.2015)

Das historische Modell der deutschen Romantik

Die Rahmengeschichte des oben in Rede stehenden Buches ist zwar eine fiktive innen- und bildungspolitische Machtübernahme 2022 in Frankreich durch den Islam, aber Houellebecq glaubt, dass dieser auf Dauer nicht „wirklich stärker ist als der ... Katholizismus“, um den es neben dem Islam in dem Buch eigentlich geht (Die Zeit, 23.01.2015). Die Religionsphilosophie ist hier in der glücklichen Lage, dass genau diese ideengeschichtliche Konstellation schon einmal durchgespielt wurde, und zwar durch die am Ende des 18. Jh. und Anfang des 19. Jh. innovativste und mächtigste gesellschaftliche, wissenschaftliche und spirituelle Bewegung des protestantischen Nordeuropa: die deutsche Romantik. Sie entstand aus einer analogen Unbefriedigtheit mit der vorangegangenen antireligiösen bis atheistischen Aufklärung und dem traditionsfeindlichem Rationalismus. Diese waren europaweit die masters of discourse geworden und hatten in der französischen Revolution, der deutschen Säkularisation und den napoleonischen Kriegen auch realpolitisch den Marsch durch die Institutionen angetreten und die Vorherrschaft errungen. Die Romantik brach im Augenblick des größten Triumphes diese Vorherrschaft, wurde neue Meinungsführerin und eine Inspiration der Befreiungskriege. Sie führte zur neuen Anerkennung des prophetischen Theismus, dessen verbindliche Hochform man in der Katholischen Weltkirche identifizierte.

Friedrich Schlegel: Ideengeber der Religionsphilosophie

Prototypisch zeigt dies der Ideengeber der Romantik, der aus der bekanntesten lutherischen Familie Hannovers stammende Friedrich Schlegel (1772-1829) und seine Gattin Dorothea. Johann Adolf Schlegel (1721-1793), Friedrichs aus dem sächsischen Meißen stammender Vater, war Generalsuperintendent (Bischof) und produktiver Literaturtheoretiker und Dichter und zusammen mit seinem Bruder Johann Elias die treibende Kraft der deutschen Literatur auf dem Weg von Gottsched zu Lessing. Dorothea war älteste Tochter Moses Mendelssohns (1729-1786), des Berliner Vaters der jüdischen Aufklärung und des Reformjudentums, sowie Mutter von Johannes und Philipp Veit, Mitbegründer der Jahrzehnte tonangebenden Nazarener-Kunstschule und als Direktor des Frankfurter Städel-Museums (Gemäldesammlung) Wegbereiter von dessen Weltgeltung. Der anfänglich den Schlagworten der Französischen Revolution und dem pantheistischen Zeitgeist folgende Schlegel Biografieund mit dem seinerzeit revolutionären Philosophen J. G. Fichte befreundete Schlegel entwickelte seine literarischen und sonstigen Überzeugungen in Jena, im persönlichen Austausch mit den Altmeistern J. G. Herder, Ch. M. Wieland, F. v. Schiller und J. W. v. Goethe, der 1802 zwei Dramen Schlegels auf die Bühne brachte. Ebenso bedeutsam waren die Kontakte zu den Freunden und/oder späteren Hauptvertretern der Romantik F. v. Hardenberg alias Novalis, Ludwig Tieck, F. W. J. Schelling und Clemens Brentano. [Bild links: F. Schlegel auf einer verbreiteten Biografie]

Ab 1797/98 bezog er in Berlin eine WG mit dem später einflussreichsten protestantischen Theologen des 19. Jh. Friedrich Daniel Schleiermacher (1768-1834, s.o.), den er nicht nur zu der bis heute klassischen Übersetzung der Dialoge Platons motivierte, sondern auch zur Abfassung von Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Diese epochale gefühlsbasierte Religionsphilosophie der Frühromantik ist bis heute das Grundbuch des liberalen Protestantismus und mittelbar des katholischen Modernismus. In den Berliner Salons von Henriette Herz und Rahel Varnhagen lernte er u.a. die Brüder Humboldt und Dorothea kennen. Der 1799 erschienene Roman Schlegels Lucinde war für Jahrzehnte und länger die provokativste Darstellung und Diskussion erotischer Ästhetik und autobiographisch reflektierter Sexualethik qua individuell freie, den göttlichen, kosmischen Eros abbildende Vereinigung sinnlicher und spiritueller Liebe. Sie kostete ihn eine Professur in Göttingen und wurde erst 1804 in eine objektive moralische Ordnung eingebettet. Später hielt er Lucinde für ein unreifes Werk und auch Dorothea wird 1819 schreiben, dass sie damals eine "falsche Bildung" anstrebte, angetrieben durch "Eigensinn, Heftigkeit, Leidenschaftlichkeit".

Schlegels geschichtliches Bewusstsein und seine Reserve gegen rationalistische Metaphysik ließ ihn in der Erkenntnis- und Handlungstheorie Sinneserfahrung, Offenbarung und Überlieferung starkmachen. Der mit Kant und dem Deutschen Idealismus durchaus routiniert Vertraute steht so für einen ganzheitlichen Ansatz der Philosophie und Spiritualität mit großem Stellenwert von Intuition und Gefühl, der die engen Beziehungen zwischen Kopf und Körper, Individuum und Gemeinschaft, Natur und Transzendenz deutlich macht: Er nimmt nicht nur entsprechende Positionen des späteren, Marx prägenden Religionskritikers Ludwig Feuerbach (s.o.) vorweg, sondern stellt sie an Radikalität und Konsequenz nicht selten in den Schatten: "Wie einst Lessing stellte er sich kühn auf jene Höhe der modernen Bildung, die über Vergangenes und Zukünftiges freie Umschau eröffnet" (J. v. Eichendorff: Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, Berlin 2013, 219 [1. Aufl. 1857])

... und Begründer moderner Geisteswissenschaft

Die Jahre 1802-1804/08 konzentrierte Schlegel auf das Studium des Sanskrit und des Persischen bei den führenden Kapazitäten in Paris, wodurch er nicht nur der Pionier der Vergleichenden Sprachwissenschaft und der Indogermanistik wurde, sondern zusammen mit seinem Bruder August auch Begründer der Indologie in Deutschland. Schlegels Werk Über die Sprache und Weisheit der Inder (1808) gilt als ein Grundbuch der Sprachwissenschaft wie auch der Literaturwissenschaft: "Schlegels Rolle als Begründer einer modernen Philologie kann schwerlich überschätzt werden. Seine ausgreifenden komparatistischen Studien, sein produktiver Anschluss an die zeitgenössische Philosophie und Ästhetik, seine Konzeption des Werkbegriffs, seine Überlegungen zur Gattungspoetik, ... zur Sprachtheorie, zum Übersetzen, zur Literaturkritik und Literaturgeschichte ... setzen noch und gerade heute Maßstäbe für die Selbstreflexion der Geisteswissenschaften." (Prof. Ulrich Breuer, Mainz, Präsident F. Schlegel-Gesellschaft und Herausgeber der Schlegel-Edition). Schlegel erarbeitete damit methodische Grundlagen für die Reform des Universitäts- und überhaupt Bildungswesens seines und Dorotheas lebenslangen Freundes Wilhelm von Humboldt, das bekanntlich zum weltweit erfolgreichsten Schul- und Universitätssystem des 19./20. Jh. wurde. Wilhelm von HumboldtHumboldt seinerseits ergänzte als produktivster Linguist der Geschichte Schlegels Sprachforschungen im Blick auf nichtindoeuropäische austronesische, indianische etc. Sprachen: Nach einem Wort seines Bruders Alexander lieferte er gründliche Analysen zum Aufbau zahlreicherer Sprachen als jemals ein Mensch beherrschte. [Bild oben: Wilhelm von Humboldt, auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost Berlin 1985]

Orthodox-katholisches Koordinatensystem

Das Jahr 1806 erlebten Schlegel und seine Gattin am Genfer See, als Gäste des schweizerisch-französisch-deutschen Religionswissenschaftlers, Revolutionsliteraten und Liberalismusvordenkers Benjamin Constant und der emanzipiertesten und gesellschaftlich einflussreichsten Frau der Epoche, Germaine de Staël. In den Folgejahren hatte Schlegel eine Professur in Köln, dessen genius loci ihn und seine Frau, die bereits 1804 in Paris evangelische Christin geworden war, noch stärker der katholischen Orthodoxie nahe brachte: 1808 konvertierten beide im Kölner Dom wie viele der führenden Denker der Romantik und die Söhne Dorotheas zur Römischen Kirche. Vorausgegegangen waren jahrelange religionsphilosophische Studien des protestantischen Vordenkers Schlegel zu Identität und Geschichte von Protestantismus und Katholizismus. Leitmotiv der Romantiker war der Wille zur Erfassung des Ganzen von Natur und Kultur und zur Erfahrung des kosmischen und spirituellen Unendlichen als "Anschauen des Universums" (Schleiermacher) und zwar ganzheitlich mit Kopf und Herz, per Tradition und Experiment. Damit lag der Fokus von vorne herein auf Weisheit / Philosophie und noch präziser auf Religionsphilosophie - einerseits als das Göttliche symbolisch andeutende Natur: Naturpoesie, und andererseits als positive Religion und Kirche: Offenbarung. Für die Jenaer Frühromantik und v.a. die Heidelberger Hochromantik gilt: "Die Romantik wollte das ganze Leben religiös heiligen" (Eichendorff a.a.O. 2013, 212). Die Berliner Spätromantik (z.B. E. T. A. Hoffmann) entfremdet sich dem positiven Christentum und Zerrissenheit überlagert die Hochgesinntheit.

Dabei war ein Schlüsselerlebnis der Romantiker, dass in der Symbolwelt der katholischen Orthodoxie, im Kosmos der Weltkirche und der von ihr geschaffenen Kultur bereits das Ganze ganz gegeben war und sie alle - auch als Protestanten - letztlich Produkte und Epiphänomene dieser Kultur waren. Sie waren geradezu überwältigt von deren Theologie, Mystik und Soziallehre (Novalis), Liturgie (Wackenroder), Ethik (Werner), Literatur und Kunst (Arnim, August Schlegel, Brentano, Eichendorff) und geschichtlichen Persönlichkeiten und Leistungen (Tieck, Görres, Stolberg). Schlegel wandte sich aber gegen ein lediglich ästhetisches oder historisierendes katholisches Dilettieren, was er für eine unproduktive, in romantischer Ironie und pantheistischem Fühlen verpuffende Versuchung hielt, und forderte Konsequenz: "Durch Fr. Schlegel daher, den eigentlichen Begründer der Romantik, ist diese in der Tat eine religiöse Macht geworden, gleichsam das Gefühl und poetische Gewissen des Katholizismus. Jene göttliche Gewalt der Kirche aber in allen Wissenschaften und Lebensbeziehungen zu enthüllen und zum Bewußtsein einer nach allen Seiten zerfahrenen Zeit zu bringen, wurde von jetzt ab die Aufgabe seines Lebens." (Eichendorff a.a.O. 2013, 212)

Theologisch-politische Denkfabrik

Das zweite und dritte Jahrzehnt des 19. Jh. sieht Schlegel in Wien und Österreich: Ab 1809 baut er die Öffentlichkeitsarbeit und Presseportale der österreichischen Regierung auf, als Gründer und Schriftleiter der für die Armee verlegten Österreichischen Zeitung und der ersten überregionalen Tageszeitung Österreichischer Beobachter, deren Denkfabrik die von ihm herausgegebene Zeitschrift Deutsches Museum war, "vielleicht das eindrucksvollste Organ dieser Epoche" (Benno von Wiese). Es gilt heute als erwiesen, dass Schlegel damit und mit den in Folge genannten Vorlesungen von 1810 die Befreiungskriege gegen Napoleon andachte und inspirierte. Als verfassungsrechtlicher Berater und Diplomat Kaiser Franz II. während des Wiener Kongresses und 1815-1818 im Bundestag des Deutschen Bundes in Frankfurt am Main stand er dem großen Reformer Freiherr vom und zum Stein nahe, da sie dasselbe Ziel verfolgten, das Schlegel in den aufsehenerregenden Wiener Vorlesungen von 1810 Über die neuere Geschichte alias Reden an die habsburgisch-deutsche Nation formuliert hatte: die Reorganisation des Heiligen Römischen Reiches.

Die Auszeichnung Schlegels für diesen Einsatz war eine der ersten Amtshandlungen Papst Pius VII. nach der Befreiung aus der Haft Napoleons: Er wurde wie später Otto von Bismarck und Konrad Adenauer Mitglied und Träger des höchsten, Staatsmännern für außerordentliche geschichtliche Leistungen verliehenen Verdienstordens der Römischen Kirche. Auch Goethe hielt die genannten Vorlesungen für eine so brillante Denkschrift, dass er sie zur Inspiration der Weimarer Politik machte, während Metternich sie bekämpfte: "Es war ein säkularer Fehler von Kaiser Franz, daß er in dieser Frage auf seinen Kanzler [Metternich] hörte", der ein "Mann der Aufklärung" war und "der beginnenden Nationalstaaten ... mit ihren ... oftmals traditionsfeindlichen, streng rationalistischen Verwaltungen ..., die auch die Verantwortung für die Säkularisation [1803] trugen, also für eines der größten kulturellen Vernichtungswerke der modernen Geschichte [...] Man darf ... annehmen, daß eine andere Politik der Entwicklung des 19. Jahrhunderts eine neue Richtung gegeben hätte. Das Reich hätte mit seiner übernationalen Idee niemals Träger jener geistlosen 'Restauration' sein können, die im deutschen Raum und anderswo so viel Unheil angerichtet hat." (Otto v. Habsburg: Die Reichsidee. Geschichte und Zukunft einer übernationalen Ordnung, Wien / München 1986, 7-8).

Die den Neuansatz der Romantik folgerichtig zu Ende denkenden und gehenden Persönlichkeiten wie Schlegel, Görres und Eichendorff teilen obige Kritik an einer geistlosen Restauration ohne weiteres: Görres zog sich für diese Kritik Publikationsverbot, Haftbefehl und ein achtjähriges Exil (1819-1827) zu. Und Eichendorffs politische und literaturgeschichtliche Schriften sind unbestechliche, aus eigenem Erleben schöpfende Analysen der Defizite in den gesellschaftlichen Verhältnissen sowohl des vorrevolutionären 18. Jh. wie des nachrevolutionären 19. Jh. Er charakterisierte auch die nach 1815 aufkommende verschwommene Deutschtümelei als unechten Ersatz für die nicht verwirklichte authentische Identität Deutschlands. 

Universale Literaturgeschichte und Weltliteratur

Die 1812 in Wien gehaltenen und 1814 veröffentlichten Vorlesungen Geschichte der alten und neuen Literatur sind nicht nur Schlegels umfangreichstes literaturwissenschaftliches Werk, sondern gelten auch als epochal, insofern sie — Johann Gottfried Herders Impulse in Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784-1791) umsetzend — die erste Darstellung der europäischen Literatur von ihren Anfängen bis zur Gegenwart sind. Sie entwickeln zum ersten Mal die Idee einer universalen Literaturgeschichte und Weltliteratur. Friedrich Schlegels letztes und abschließendes wissenschaftliches Projekt war eine ebenfalls aus Wiener und Dresdener Vorlesungen hervorgegangene dreibändige Enzyklopädie der Philosophie des Lebens / der Geschichte / der Sprache (1827/28). Sie ist bewusst nach dem Muster der Dialoge Platons konzipiert, reißt die späteren Hauptthemen der Philosophie des 19./20. Jh. an und stellt zugleich eine monumentale Religionsphilosophie dar. Friedrich und Dorothea Schlegels letztes Wort nach dem Durchgang durch die interkulturellen, interreligiösen, konfessionellen, philosophischen und politischen Alternativen war bzw. ist darin: Der Denk- und Lebensraum eines ernstzunehmenden Weltbildes ist das Universum der Katholischen Orthodoxie oder Weltkirche. Auch und gerade — von ihnen durchaus angemerkte — Krisenerscheinungen und Verwahrlosung können nur in diesem Denk- und Lebensraum mit Erfolg angegangen werden.

Antworten auf Lessings Fragen

Es ist bekannt, dass das Vorbild für die Gestalt 'Nathan der Weise' in Gotthold Ephraim Lessings gleichnamigem religionsphilosophischen Ideendrama von 1779 sein Freund Moses Mendelssohn ist. Es ist auch bereits angeklungen, dass der allseitige Kenner, Historiker und selbst Hauptvertreter der deutschen Romantik, Joseph von Eichendorff, Friedrich Schlegel als Geistesverwandten Lessings bestimmt, der die diesen beschäftigenden religionsphilosophischen Fragen weiterdenkt und einer Lösung zuführt (vgl. Eichendorff a.a.O. 2013, 157-160, 207-216). So ist Friedrich Schlegel nicht nur Schwiegersohn Mendelssohns alias Nathan des Weisen, sondern dessen Tochter und geistige Erbin Dorothea solidarisiert sich auch deswegen mit ihm, weil sie ihn als neuen Nathan den Weisen sieht, der im Stande ist, die religionsphilosophischen Aporien des alten aufzulösen und den echten Ring der Ringparabel zu identifizieren: Der echte Ring ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Oder in der von Friedrich und Dorothea häufig verwendeten Formel: Sie ist die "wahre Republik", ihr Glaubenssystem ist die "wahre Aufklärung", der Gehorsam gegen ihre Ethik und Gesetzgebung ist die "wahre Freiheit".

Schlegels Denkweg in Gadamers Perspektive

Die zuletzt angesprochene - reflektierte - Anerkennung legitimer Autorität und Tradition realisiert die zentrale Einsicht der modernen geisteswissenschaftlichen Wissenschaftstheorie oder Hermeneutik. Deren Grundbuch ist Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 6. Aufl. Tübingen 1990. Wenn und insoweit die Romantik sich dieser von Schlegel vollzogenen Anerkennung verweigert, betreibt sie lediglich Symptombekämpfung, weil sie das Denkschema der traditions- und autoritätsfeindlichen Aufklärung teilt und „wie eine Selbstverständlichkeit“ anerkennt, nämlich „das Schema der Überwindung des Mythos [irrationales Vorurteil der Vergangenheit] durch den Logos [rationale Vernunft der Gegenwart]“ (Gadamer 1990, 278). Diese Variante der Romantik „teilt die Voraussetzung der Aufklärung und kehrt nur die Wertung um, indem … die mythische Welt, das vom Bewußtsein nicht zersetzte, ungebrochene Leben in einer naturwüchsigen Gesellschaft, die Welt des christlichen Rittertums romantischen Zauber, ja Vorrang an Wahrheit gewinnt“ (278). Der restaurativen Haltung der Romantik dieser Färbung, die das Alte nur qua Altes und Vormodernes idealisiert, liegt „der gleiche Bruch mit der Sinnkontinuität der Überlieferung … zugrunde“ (280) wie der Aufklärung. Philipp Veit_GermaniaDenn die europäische Tradition und Geschichte bis zum 18. Jh. verstand sich nicht als vorrationales, mythisches Denken und Weben, sondern als der Denk- und Lebensraum der Vernunft bzw. des Logos. Sie verstand sich als eine, aus einer Aufklärung und Emanzipation weltgeschichtlichen Maßstabes hervorgegangene Zivilisation kognitiver und sozialer Exzellenz. Diese Zivilisation ist das Thema des berühmten Freskenzyklus 'Einführung der Künste in Deutschland durch das Christentum' im Städelmuseum Frankfurt, 1834/36 von Philipp Veit, Sohn Dorothea Schlegels und Freund J. v. Eichendorffs seit dem gemeinsamen Freiwilligeneinsatz in den Freiheitskriegen. [Bild rechts: Die stilprägende 'Germania' des Zyklus mit den Staatsinsignien des SRI als Allegorie politischer und sozialer Vernunft der messianischen Ära mit der Verfassung alias Goldenen Bulle Karls IV.; in abgewandelter Form identitätsstiftendes Symbol der Frankfurter Nationalversammlung 1848 und des Deutschen Bundes]

Gadamer zeichnet — speziell am Denken seiner wissenschaftstheoretischen Vorgänger Fr. D. Schleiermacher und Wilhelm Dilthey (1833-1911) — nach, dass und wie aus der oben skizzierten problematischen Strömung der Romantik im 19. Jh. der Historismus aufwächst, der sachlogisch zu einer noch radikaleren Relativierung von Autorität und Tradition führt als die Aufklärung des 18. Jh. Er destruiert schließlich auch Vernunft und Aufklärung selbst: „Das historische Bewusstsein, das mit der Romantik heraufkommt“ ist „eine Radikalisierung der Aufklärung. Denn für das historische Bewußtsein ist der Ausnahmefall vernunftwidriger Überlieferung die allgemeine Situation geworden. Ein durch die Vernunft allgemein zugänglicher Sinn wird so wenig geglaubt, daß die gesamte Vergangenheit, ja, am Ende sogar alles Denken der Zeitgenossen schließlich nur noch ‚historisch‘ verstanden wird. So mündet die romantische Kritik der Aufklärung selbst in Aufklärung, indem sie sich als historische Wissenschaft entfaltet und alles in den Sog des Historismus hineinzieht. Die grundsätzliche Diskreditierung aller Vorurteile … wird in der historischen Aufklärung universal und radikal.“ (280)

Wissenschaftstheorie von Tradition und Autorität

Gadamer zur Bedeutung von Tradition: „Eben hier liegt der Punkt, an dem der Versuch einer philosophischen Hermeneutik kritisch einzusetzen hat. Die Überwindung aller Vorurteile … wird sich selber als als ein Vorurteil erweisen, dessen Revision erst den Weg für ein angemessenes Verständnis … freimacht“ (280). Denn „Vernunft ist für uns nur als reale geschichtliche [ … ] Sie … bleibt stets auf die Gegebenheiten angewiesen, an denen sie sich betätigt […] In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören ihr. Lange bevor wir uns in der Rückbesinnung selbst verstehen, verstehen wir uns auf selbstverständliche Weise in Familie, Gesellschaft und Staat, in denen wir leben. Die Selbstbesinnung des Individuums ist nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens“ (280-281). - "Es bedarf … einer Anerkennung dessen, dass es legitime Vorurteile gibt, wenn man der endlich-geschichtlichen Daseinsweise des Menschen gerecht werden will." Daher ist die „erkenntnistheoretische Grundfrage“ der Hermeneutik und das zentrale Thema von Gadamers Werk die Herausarbeitung von Kriterien für die Unterscheidung legitimer Vorurteile von falschen Vorurteilen (280-281).

Gadamer zur Bedeutung von Autorität: "In der Tat ist nicht nur die Diffamierung aller Autorität ein durch die Aufklärung selber festgewordenes Vorurteil. Sie hat auch dazu geführt, daß der Begriff von Autorität deformiert worden ist“ als „das schlechthinnige Gegenteil von Vernunft und Freiheit […] Dergleichen liegt aber keineswegs im Wesen von Autorität. Gewiß kommt Autorität zunächst Personen zu. Die Autorität von Personen hat aber ihren letzten Grund nicht in einem Akte der Unterwerfung und der Abdikation der Vernunft, sondern in einem Akt der Anerkennung und der Erkenntnis – der Erkenntnis nämlich, daß der andere einem an Urteil und Einsicht überlegen ist und daß daher sein Urteil vorgeht […] Damit hängt zusammen, daß Autorität nicht eigentlich verliehen, sondern erworben wird und erworben sein muß, wenn einer sie in Anspruch nehmen will. Sie beruht auf Anerkennung und insofern auf einer Handlung der Vernunft selbst, die, ihrer Grenzen inne, anderen bessere Einsicht zutraut [...] Autorität … befehlen zu können und Gehorsam zu finden … folgt nur aus der Autorität, die einer hat. Auch die anonyme und unpersönliche Autorität des Vorgesetzten, die sich aus der Befehlsordnung herleitet, entspringt zuletzt nicht dieser Ordnung, sondern macht sie möglich. Ihr wahrer Grund ist auch hier ein Akt der Freiheit und der Vernunft, die grundsätzlich dem Vorgesetzten, weil er mehr überschaut oder besser eingeweiht ist, Autorität zubilligt, also auch hier, weil er es besser weiß.“ (284)

Konkret: "Das Wesen der Autorität, die der Erzieher, der Vorgesetzte, der Fachmann in Anspruch nehmen, besteht darin. Die Vorurteile, die sie einpflanzen, sind zwar durch die Person legitimiert. Ihre Geltung verlangt Voreingenommenheit für die Person, die sie vertritt. Aber eben damit werden sie zu sachlichen Vorurteilen, denn sie bewirken die gleiche Eingenommenheit für eine Sache, die auf auf andere Weise, z.B. durch gute Gründe, die die Vernunft geltend macht, zustande kommen kann.“ (285)

Europa in Prinz Hamlets Schuhen

Eines der religionsphilosophisch bedeutsamsten Charakteristika unserer Epoche ist die seit den 1960er Jahren mehr oder minder starke Infragestellung der in den letzten Abschnitten referierten Formel der messianischen, christlichen Zivilisation als "wahre Republik", als "wahre Aufklärung" und als "wahre Freiheit" durch die Mehrheit der westlichen katholischen Hierarchie, Theologie und Kirchenbasis selbst. Sie erscheint in vielen Intensitätsgraden überlagert durch eine liberalistisch-interreligiöse Weltanschauung, die bis in die Einzelheiten Friedrich Schleiermachers und Friedrich Schlegels frühe liberalprotestantische Religionsphilosophie von 1799 Über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern (s.o.) reproduziert. Es ist gleichgültig, ob man sich über diese Weltanschauung bei Schleiermacher oder bei Pius X. informiert, dessen Antimodernismusenzyklika Pascendi dominici gregis von 1907 praktisch eine Paraphrase von Schleiermachers Reden Über die Religion ist. Lediglich die Wertung ist gegensätzlich. Als Vordenker und Paten dieser Weltanschauung feiert Schleiermacher Spinoza, dessen Manen eine Locke zu opfern er jedermann nahelegt. In den Augen vieler Beobachter hat dies zur größten Krise der Geschichte der Kirche geführt und mittelbar zur in Rede stehenden Apostasie der westlichen Welt. Wir analysieren das Geschehen ausführlich im Untermenu 'Erlösung'.

In dieser Perspektive gewinnt der von uns nachgezeichnete Denk- und Lebensweg Schlegels noch einmal eine ganz besondere ideengeschichtliche Aktualität. Denn er zeigt, wie und warum Schlegel, der Vordenker des liberalen Protestantismus und katholischen Modernismus, diese Weltanschauung Schritt für Schritt korrigierte: Sie erschien ihm schlussendlich als ein jugendlich-genialischer Versuch der Rechtfertigung und Neubegründung der Religion in einem atheistischen und agnostischen Umfeld, der aber in der Sache eine unreife, realitätsabgelöste, undifferenzierte Phantasmagorie blieb. Eichendorffs [Relief rechts: Gedenkstein Haus Schlesien, Königswinter] im Joseph v Eichendorff Haus Schlesien GNU 4.0Austausch mit Friedrich und Dorothea Schlegel entstandener Schlüsselroman der Romantik Ahnung und Gegenwart (1815) schließt mit einer oft zitierten Vorahnung der angesprochenen Apostasie der westlichen Welt einschließlich der fruchtlosen Bemühungen, außerhalb der "wahren Republik" und der "wahren Aufklärung" der Zeit auf die Beine zu helfen:

"Wenn das Geschlecht vor der Hand einmal alle seine ... fruchtlosen Versuche, der Zeit wieder auf die Beine zu helfen, vergessen und ... sich dafür mit voller, siegreicher Gewalt zu Gott wenden wollte [...] dann erst wird es Zeit sein, unmittelbar zu handeln, und ... Recht, ... Freiheit, Ehre und Ruhm in das wiedereroberte Reich zurückzuführen. Und in dieser Gesinnung bleibe ich [= der Titelheld des Romans, Graf Friedrich] in Deutschland und wähle mir das Kreuz zum Schwerte [...] Wahrlich, wie man sonst Missionarien unter Kannibalen aussandte, so tut es jetzt viel mehr not in Europa, dem ausgebildeten Heidensitze [...]

Mir scheint unsre Zeit d[ies]er weiten, ungewissen Dämmerung zu gleichen! Licht und Schatten ringen noch ungeschieden in wunderbaren Massen gewaltig miteinander [...] Alles weist mit blutigem Finger warnend auf ein großes, unvermeidliches Unglück hin [...] Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet trifft; und wie mancher, der weich und aufgelegt zur Lust und fröhlichem Dichten, sich so gern mit der Welt vertrüge, wird, wie Prinz Hamlet, zu sich selber sagen: Weh, daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam! Denn aus ihren Fugen wird sie noch einmal kommen, ein unerhörter Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen, die Leidenschaften, die jetzt verkappt schleichen, werden die Larven wegwerfen, und flammender Wahnsinn sich mit Brandfackeln in die Verwirrung stürzen, als wäre die Hölle losgelassen, Recht und Unrecht, beide Parteien, in blinder Wut einander verwechseln. Wunder werden zuletzt geschehen, um der Gerechten willen, bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Greuel bricht, die Donner rollen nur noch fernab an den Bergen [...] und die Erde hebt sich verweint, wie eine befreite Schöne, in neuer Glorie empor."

Ab 2018 können Interessierte den sowohl weltliterarisch wie religionsphilosophisch bedeutsamen Weg Schlegels an Hand der z.Zt. an der Universität Mainz zum Abschluss kommenden 35-bändigen Kritischen Friedrich-Schlegel-Ausgabe (KFSA) bis ins Einzelne nachverfolgen.

Religionsphilosophie und Religionswissenschaft

Einen Überblick sonstiger religionsphilosophischer Ansätze vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart bieten Grätzel / Kreiner (Hrsg.): Lehrbuch Religionsphilosophie, Stuttgart 1999. Die Hauptströmungen der analytischen Religionsphilosophie und damit Themenbereiche, die in den letzten Jahren im Zentrum der Debatten standen (Gottesbeweisansätze und -analysen – Theodizeeproblem – erkenntnistheoretische Analysen religiöser Überzeugungen) präsentieren Jäger: Analytische Religionsphilosophie, Paderborn 1998 und Irleborn / Koritensky: Analytische Religionsphilosophie. Neue Wege der Forschung, Darmstadt 2013. Eine monumentale Bestandsaufnahme der Religionsphilosophie der Tradition vor dem Ende des 18./ Beginn des 19. Jh. einsetzenden großen Traditionsbruch ist Sigismund von Storchenau: Die Philosophie der Religion, 12 Bde, Augsburg 1772-1789 [repr. Hildesheim / Zürich / New York 2013-2014]. Für die Religionsphilosophie Kants siehe die ausführliche Darstellung und Würdigung im E-Portal Negative Theologie.

Angelsächsische Standardeinführungen sind Davies: An Introduction to the Philosophy of Religion, 3. Auflg. Oxford 2004, und Wainwright: Philosophy of Religion, Florence, KY, 2. Aufl. 1998. Wainwright ist ferner Herausgeber von The Oxford Handbook for Philosophy of Religion, Oxford 2004. Sehr informativ auch Wainwrights Eintrag Monotheism in der Stanford Encyclopedia of Philosophy: http://plato.stanford.edu/entries/monotheism/.

Aus dem Vorhergehenden erhellt: Die empirische Datenbasis der Religionsphilosophie ist Gegenstand der Religionswissenschaft mit ihren wichtigsten Unterdisziplinen Religionsgeschichte und  systematische Religionswissenschaft (Religionsphänomenologie oder -morphologie]. Dazu tritt noch die Religionspsychologie und -soziologie. Deswegen bieten die drei folgenden Untermenus zunächst einen Abriss der einschlägigen Daten und Theorien der Religionsgeschichte, der Religionsphänomenologie und Religionspsychologie seit dem Beginn dieses sehr jungen Faches der Religionswissenschaft als eigener wissenschaftliche Disziplin Anfang / Mitte des 19. Jh. Da es uns um die Rekonstruktion der Religionsphilosophie des prophetischen Theismus zu tun ist, wird der Abriss zur Religionsgeschichte besonders die theistische Gottesidee in der Geschichte der Religion fokussieren. Analoges gilt von der Religionsphänomenologie und Religionspsychologie.